Kategorie: Politik

  • Charity-Abend Hamburg: Together for Hope zum Welt-Aids-Tag

    Charity-Abend Hamburg: Together for Hope zum Welt-Aids-Tag

    Wie schön war denn bitte das.

    DANKE HAMBURG

    DANKE ST.PAULI

    DIESER ABEND HAT SICH INS HERZ GRAVIERT.

    Aus einer persönlichen Erfahrung entstand eine Idee

    Zum Weltaidstag 2025 hatte Torsten Poggenpohl, der Autor des Buches „einfach!ch schwul.bipolar.positiv.“ eine Vision: Einen CharityAbend in seiner Wahlheimat Hamburg. 

    2013 – im Jahr seiner Diagnose war dies mit der einsamste Abend, welchen er je in Hamburg und in seinem Leben erlebt hat – dieses Gefühl wollte er anderen durch einen gemeinsamen Abend nehmen.

    Unterstützung aus der Community machte den Abend möglich

    Bei der Planung dieses Events musste er jedoch erleben, dass ihm mehrfach die Finanzierung für diesen Abend abhanden kam.

    Und zugleich war Aufgeben für ihn keine Option, im Gegenteil kurzerhand bat er seine Tausende Follower bei Instagram und Facebook um Unterstützung  – getreu dem Motto: „Wenn jeder einen Euro „paypalt“. – und so kam das Geld durch kleinere und größere Spenden zusammen.

    Torsten Poggenpohl (rechts) im Gespräch bei einem Charity-Abend in Hamburg, stimmungsvolle Atmosphäre mit Getränken und Publikum im Hintergrund.
    Torsten Poggenpohl (rechts) beim Charity-Abend „Together for Hope“ zum Welt-Aids-Tag in Hamburg. | Foto: © Andreas Muhme – Faces of St. Pauli
    Ein Sänger performt live auf der Bühne beim Charity-Abend „Together for Hope“ in Hamburg, mit Mikrofon und blauer Bühnenbeleuchtung im Hintergrund.
    Musikalischer Auftritt beim Charity-Abend „Together for Hope“ in Hamburg. | Foto: © Andreas Muhme – Faces of St. Pauli

    Marcel Leo Guevara Kluxen öffnete exklusiv am Ruhetag die Pforten seines TOOM PEERSTALLS – die „Häppchen“ zauberte Puk aus dem benachbarten Jolie. 

    Musik, Lesung und Spenden für die Hamburger Aidshilfe

    Während Torsten aus seinem Buch las, verzauberte der Musicalsänger Gerrit Hericks mit seiner Stimme. Die Herzen schlugen höher, während Texte und Musik perfekt aufeinander abgestimmt waren. 

    In der Pause verkauften Torsten und Gerrit fleißig Lose ans Publikum – vom CharityBären der Aidshilfe bishin zum Luxusduft oder einem Sektfrühstück für Zwei im legendären CafeGnosa gab es allerhand zu gewinnen.

    Ein Blick in die Augen des Publikums, welches gekommen war, um im Zeichen der roten Schleife Solidarität zu zeigen offenbarte: Alle fühlten sich genau am richtigen Ort – mehr geht nicht.

    Am Folgetag konnte Torsten dem Geschäftsführer der Hamburger Aidshilfe 550€ -fünfhindertfünfzig Euro – übergeben. 

    Danke Hamburg – Together for Hope – Gemeinsam. Gerade jetzt.

    Torsten Poggenpohl (rechts) steht mit einem Teilnehmer beim Charity-Abend und zeigt ein Buch sowie ein kleines Geschenk, beide lächeln in die Kamera.
    Torsten Poggenpohl (rechts) beim Charity-Abend „Together for Hope“ in Hamburg gemeinsam mit Omer Idrissa Ouedraogo (links), Geschäftsführer der Hamburger Aidshilfe. | Foto: © Privat
    Torsten Poggenpohl (rechts) liest bei einem Charity-Abend auf der Bühne, neben ihm sitzt ein weiterer Künstler, stimmungsvolle Beleuchtung im Hintergrund.
    Torsten Poggenpohl (rechts) bei der Lesung im Rahmen des Charity-Abends „Together for Hope“ in Hamburg. | Foto: © Andreas Muhme – Faces of St. Pauli

  • CSD Dresden 2026: Sichtbarkeit ist politisch – auch wenn sie nicht so genannt wird

    CSD Dresden 2026: Sichtbarkeit ist politisch – auch wenn sie nicht so genannt wird

    Als organisierender Verein des Christopher Street Day in Dresden blicken wir in diesem Jahr auf eine Situation, die von Engagement und neuen Herausforderungen geprägt ist. Der CSD ist für uns nicht nur ein Termin im Kalender, sondern ein zentraler Ausdruck unserer politischen Arbeit und unseres Einsatzes für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Menschen.

    Unser Anspruch: politisch, sichtbar und unverzichtbar

    Seit vielen Jahren steht der CSD in Dresden für die Einforderung von Gleichberechtigung und gesellschaftlicher Teilhabe. Auch 2026 bleibt dieser Anspruch bestehen. In einer Zeit, in der queere Lebensrealitäten sichtbarer werden, erleben wir zugleich, dass genau diese Sichtbarkeit wieder stärker infrage gestellt wird.

    Für uns ist klar: Sichtbarkeit ist politisch. Sie macht Diskriminierung sichtbar, schafft Räume für Austausch und Solidarität und fordert Veränderungen ein. Der CSD ist genau dafür da – auf der Straße, auf Bühnen, in Gesprächen und durch gemeinsames Auftreten.

    Was die neue Bewertung konkret bedeutet

    Aktuelle Herausforderungen in der Umsetzung

    In diesem Jahr sehen wir uns mit einer veränderten rechtlichen Bewertung unserer Veranstaltungsform konfrontiert. Während die Demonstration weiterhin als politischer Ausdruck anerkannt wird, gilt das für den übrigen Teil unseres Programms – insbesondere das mehrtägige Straßenfest – plötzlich nicht mehr.

    Die zuständige Behörde bewertet diesen Teil als „überwiegend unterhaltend“ und damit nicht als Versammlung. Diese Entscheidung hat uns nicht nur überrascht – sie greift auch direkt in unsere Arbeit ein. Denn sie bedeutet konkret: Ein großer Teil dessen, was wir organisieren, verliert den rechtlichen Schutz, der für politische Versammlungen vorgesehen ist.

    Was diese Entscheidung konkret bedeutet

    Was zunächst technisch klingt, hat reale Auswirkungen. Wenn ein Teil des CSD nicht mehr als Versammlung gilt, wird er anders behandelt – rechtlich, organisatorisch und finanziell. Das betrifft strengere Auflagen, zusätzliche Anforderungen an Sicherheit und Infrastruktur sowie steigende Kosten. Gleichzeitig entsteht eine neue Unsicherheit in der Planung. Für uns als ehrenamtlich arbeitender Verein ist das eine erhebliche Belastung. Ressourcen sind begrenzt, und jede zusätzliche Anforderung bedeutet mehr Aufwand für die Menschen, die den CSD überhaupt erst möglich machen.

    Menschen beim CSD Dresden: Eine Person hält eine Regenbogenfahne in die Höhe.
    Eine Person hält beim CSD Dresden eine Regenbogenfahne hoch – ein Zeichen für queere Sichtbarkeit und Solidarität. © DAH | Bild: Renata Chueire

    Warum das Straßenfest politisch ist

    Was hier eigentlich verhandelt wird

    Im Kern geht es um eine grundlegende Frage: Was gilt als politischer Ausdruck? Ist es nur der klassische Demonstrationszug – mit Transparenten, Parolen und Bewegung? Oder gehören auch die Räume dazu, in denen Menschen sich informieren, austauschen, zuhören, sichtbar sind und gemeinsam Haltung zeigen? Der CSD war nie nur eine Demonstration. Er war immer auch ein Ort der Begegnung und der kollektiven Sichtbarkeit. Genau darin liegt seine politische Kraft. Wenn diese Formen plötzlich als „Unterhaltung“ eingeordnet werden, wird politische Realität verkürzt.

    Was auf dem Spiel steht

    Eine problematische Trennung

    Die aktuelle Bewertung folgt einer Logik, die wir kritisch sehen: Der Aufzug wird als politisch anerkannt, weil er klassisch demonstrativ ist. Das Straßenfest hingegen wird als etwas anderes behandelt – obwohl es dieselben Inhalte transportiert. Diese Trennung wirkt konstruiert. Sie orientiert sich weniger an der tatsächlichen Funktion als an äußeren Formen. Doch politische Kommunikation findet nicht nur im Demonstrieren statt. Sie entsteht auch dort, wo Menschen zusammenkommen, zuhören, diskutieren und sichtbar Haltung zeigen. Gerade beim CSD greifen diese Elemente ineinander: Menschen kommen wegen der Demonstration, bleiben für Austausch und Information und tragen die Inhalte weiter.

    Das Straßenfest ist kein „Rahmenprogramm“, sondern ein zentraler Bestandteil der politischen Aussage. Hier finden Gespräche statt, hier werden Forderungen erklärt und Menschen kommen miteinander in Kontakt.

    Politische Wirkung entsteht durch Begegnung

    Wie der CSD konkret politisch wirkt

    Der CSD ist kein starres Format, sondern ein dynamischer Prozess. Menschen kommen mit unterschiedlichen Erwartungen: Einige wollen demonstrieren, andere sich informieren oder einfach Teil einer Gemeinschaft sein. Genau diese Mischung ist gewollt – und politisch wirksam. Auf dem Gelände finden Gespräche statt, in denen Diskriminierungserfahrungen geteilt, Informationen vermittelt und gesellschaftliche Themen diskutiert werden. Diese Gespräche sind ein zentraler Bestandteil politischer Meinungsbildung.

    Viele Initiativen nutzen den CSD, um ihre Arbeit sichtbar zu machen, auf Missstände hinzuweisen und Unterstützung zu mobilisieren. Für viele Besucher*innen ist dies der erste Kontakt mit solchen Themen. Auch das Bühnenprogramm erfüllt eine politische Funktion. Beiträge greifen gesellschaftliche Entwicklungen auf, ordnen sie ein und machen sie für ein breites Publikum zugänglich.

    Warum diese Argumentation zu kurz greift

    Die behördliche Bewertung reduziert politische Kommunikation auf ein enges Verständnis von Protest. Politische Meinungsbildung entsteht aber nicht nur in klar abgegrenzten Momenten. Sie entsteht auch dort, wo Menschen ins Gespräch kommen, Inhalte vermittelt werden und Perspektiven sichtbar werden. Wer den CSD in einzelne Elemente zerlegt, verliert den Blick für diese Zusammenhänge.

    Politische Wirkung entsteht im Zusammenspiel

    Die verschiedenen Elemente des CSD greifen ineinander und verstärken sich gegenseitig. Politische Wirkung entsteht hier nicht punktuell, sondern als Prozess. Der CSD schafft niedrigschwellige Zugänge zu politischen Themen und erreicht Menschen, die sonst wenig Berührungspunkte mit solchen Debatten haben.

    Vielfalt als Stärke politischer Arbeit

    Politische Bewegungen sind heute vielfältig. Sie nutzen unterschiedliche Ausdrucksformen, um Menschen zu erreichen und Themen sichtbar zu machen. Diese Vielfalt ist keine Schwäche – sie ist eine Voraussetzung für erfolgreiche politische Arbeit. Der CSD verbindet klassische Protestformen mit kulturellen und sozialen Elementen. Dadurch entsteht ein Format, das unterschiedliche Menschen anspricht und einbindet. Wenn diese Vielfalt nicht als politisch anerkannt wird, wird politische Teilhabe eingeschränkt.

    Wenn Öffentlichkeit zur politischen Wirkung wird

    Die Rolle von Öffentlichkeit

    Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Öffentlichkeit. Der CSD findet bewusst im öffentlichen Raum statt. Er ist sichtbar, zugänglich und offen für alle. Diese Öffentlichkeit ist entscheidend. Sie sorgt dafür, dass Themen nicht im privaten Raum bleiben, sondern Teil gesellschaftlicher Diskussion werden. Wenn Menschen den CSD wahrnehmen – sei es aktiv oder als Beobachter*innen – werden sie mit Themen konfrontiert, die sie sonst vielleicht nicht erreichen würden. Auch das ist politische Wirkung.

    Person hält ein Schild mit der Aufschrift „Pride is Protest“ bei einer Pride-Demonstration hoch.
    Ein Schild bei einer Pride-Demonstration macht deutlich: Queere Sichtbarkeit ist politischer Protest. © ink drop/stock.adobe.com

    Was auf dem Spiel steht

    Die aktuelle Bewertung betrifft daher nicht nur organisatorische Fragen. Sie berührt die Frage, wie politische Teilhabe gestaltet wird – und welche Formen davon anerkannt werden. Wenn politische Ausdrucksformen zu eng definiert werden, entsteht die Gefahr, dass wichtige Räume verloren gehen. Räume, in denen Austausch möglich ist, in denen Menschen sich vernetzen und in denen gesellschaftliche Themen sichtbar werden. Gerade für marginalisierte Gruppen sind solche Räume von besonderer Bedeutung.

    Warum wir diese Entwicklung ernst nehmen

    Wir nehmen diese Entwicklung ernst, weil sie über den Einzelfall hinausweist. Sie betrifft nicht nur den CSD Dresden, sondern auch die Frage, wie zivilgesellschaftliches Engagement insgesamt bewertet wird. Eine offene Gesellschaft braucht vielfältige Formen politischer Beteiligung. Sie braucht Räume, in denen Menschen sich einbringen können – unabhängig davon, ob sie dies in klassischen oder in neuen Formaten tun. Genau dafür steht der CSD. Und genau deshalb setzen wir uns dafür ein, dass diese Form der politischen Arbeit als solche anerkannt wird.

    Warum der CSD als politischer Raum geschützt werden muss.

    Begegnung als politischer Raum

    Für viele Besucher*innen ist der CSD einer der wenigen Orte, an denen sie sich offen zeigen können. Dieses gemeinsame Sichtbar-Sein ist nicht unpolitisch – es ist ein kollektiver Ausdruck, der auch nach außen wirkt. Begegnung schafft Gemeinschaft und politische Wirkung zugleich. Sie ermöglicht Austausch, baut Vorurteile ab und stärkt Solidarität.

    Ehrenamt unter Druck

    Der CSD Dresden wird maßgeblich durch ehrenamtliches Engagement getragen. Viele Menschen investieren Zeit und Energie, um dieses Projekt zu ermöglichen. Mehr Auflagen, mehr Kosten und mehr Unsicherheit bedeuten auch mehr Arbeit. Dieses Engagement hat Grenzen. Wenn politische Arbeit strukturell erschwert wird, gerät dieses Modell unter Druck.

    Person mit bunten Regenbogenflügeln steht beim CSD in einer Menschenmenge.
    Eine Person mit Regenbogenflügeln beim CSD – ein starkes Zeichen für Vielfalt, Sichtbarkeit und Solidarität. © DAH | Bild: Renata Chueire

    Gesellschaftliche Realität in Sachsen

    Queere Themen sind sichtbarer geworden, gleichzeitig nehmen Anfeindungen und Gegenbewegungen zu. Gerade deshalb sind Orte wie der CSD wichtig. Sie schaffen Sichtbarkeit, verbinden Menschen und machen deutlich, dass queeres Leben Teil dieser Gesellschaft ist.

    Warum Sichtbarkeit nicht neutral ist

    Sichtbarkeit ist nicht neutral. Für viele queere Menschen bedeutet sie auch, sich angreifbar zu machen und öffentlich Haltung zu zeigen. Das ist ein politischer Akt.

    Unsere Forderungen

    • Vollständige rechtliche Gleichstellung queerer Menschen
    • Konsequenter Schutz vor Diskriminierung und Gewalt
    • Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen
    • Anerkennung der gesamten CSD-Struktur als politischer Ausdruck

    Warum wir weitermachen

    Warum wir weitermachen

    Trotz aller Herausforderungen steht für uns fest: Wir machen weiter. Der CSD Dresden 2026 wird stattfinden – mit Demonstration, Programm und klarer Haltung. Denn Sichtbarkeit lässt sich nicht in „politisch“ und „nicht politisch“ aufteilen.

    Ein gemeinsamer Auftrag

    Wenn diese Räume enger werden, braucht es umso mehr Aufmerksamkeit und Solidarität. Deshalb laden wir euch ein: Informiert euch, sprecht darüber und unterstützt unsere Arbeit. Denn am Ende geht es nicht nur um eine juristische Bewertung. Es geht darum, wie sichtbar queeres Leben in Zukunft sein darf. Gerade jetzt ist es wichtiger denn je, dass solche Räume bestehen bleiben und gestärkt werden.

    CSD Dresden 2026

    Termine, Demo und Programm

    Der CSD Dresden 2026 lädt rund um Demonstration, politisches Straßenfest und zahlreiche Veranstaltungen zu Sichtbarkeit, Begegnung und Austausch ein. Viele Termine und Angebote findest du direkt beim Christopher Street Day Dresden e.V.

    CSD-Demozug Samstag, 06. Juni 2026 · ab 12:00 Uhr Altmarkt Dresden
  • Aidshilfe bleibt Stabil

    Aidshilfe bleibt Stabil

    Porträt von Axel Schock
    Axel Schock | Fotoquelle: (c) Natalia Reich
    Porträt von Jonathan Gregory, Kampagnenleitung von IWWIT
    Jonathan Gregory, Kampagnenleitung IWWIT
    AS
    Fragen von Axel Schock
    JG
    Antworten von Jonathan Gregory

    Rückzug aus Safe Spaces: Was Rechtspopulismus für queere Menschen bedeutet

    AS

    Rechte und rechtspopulistische Ansichten finden nicht nur eine zunehmende Verbreitung in Gesellschaft und Öffentlichkeit, auch Parteien, die solches Gedankengut vertreten, gewinnen an Zuspruch. Welche politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen hat diese Entwicklung auf die queere Community?

    JG

    Ich beobachte hier gleich mehrere Reaktionen. Durch den Druck, den insbesondere marginalisierte Gruppen wie queere Menschen zunehmend erleben, ziehen sich immer mehr aus ihren Safe Spaces zurück.

    Das IWWIT-Team reist insbesondere zur CSD-Saison viel durchs Land, und im letzten Jahr habe ich durch Gespräche vor Ort verstärkt mitbekommen, dass sich viele Queers immer weniger trauen, Community-Orte aufzusuchen, weil sie ihnen nicht mehr sicher erscheinen. Etwa, weil es dort immer wieder zu Vandalismus kommt oder die Besucher*innen sogar Angst haben, belästigt oder attackiert zu werden.

    Wir beobachten zudem, dass durch Sparmaßnahmen auf kommunaler wie auf Landesebene immer mehr auch queere Projekte betroffen sind. Die Folge ist, dass solche Angebote weniger werden und schließlich ganz verschwinden.

    Wenn Community-Orte verschwinden: Verlust von Vernetzung und Teilhabe

    AS

    Diese Orte sind ja nicht nur wichtig als Treffpunkt und als Safe Spaces von LGBTIQ*, sondern auch als Ankerpunkt zum Beispiel für die Arbeit von IWWIT.

    JG

    Das ist richtig. Queere Menschen haben lange dafür gekämpft, sich nicht mehr verstecken zu müssen, sondern offen und frei leben zu können. Wenn uns nun aber solche Orte verloren gehen, wird auch die Community-Arbeit schwerer. Natürlich kann man sich auch digital vernetzen und sich online austauschen. Aber es ist einfach etwas anderes, wenn man sich im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht austauschen, kennenlernen oder organisieren möchte. Wenn sich Menschen aufgrund der politischen Lage wieder zurückziehen, verlieren sie dadurch auch den Zugang zu Gemeinschaft, wie zu Kultur-, Freizeit-, und Gesundheitsangeboten.

    AS

    Das bedeutet also, dass Online-Angebote zunehmend wichtiger werden. Zum Beispiel um queeren Menschen Informationen zu Gesundheitsthemen zu vermitteln.

    JG

    Hier kommen wir zu einer anderen besorgniserregenden gesellschaftspolitischen Entwicklung. Im vergangenen Jahr wurde beispielsweise der YouTube-Kanal von IWWIT gesperrt. Eigentümer ist bekanntlich der Google-Mutterkonzern Alphabet. Auch in Europa sind wir in eine große Abhängigkeit von US-amerikanischen Online-Plattformen geraten, die ihre ganz eigene Vorstellung von Zensur haben. Wenn Web-Inhalte nicht dem entsprechen, was die US-Regierung für richtig und wichtig erachtet, wird sehr schnell mit Löschung und Sperrung reagiert. Und das hat natürlich große Auswirkungen auf unsere Präventionsarbeit, aber auch auf die Möglichkeiten der Vernetzung.

    Förderung unter Druck: IWWIT zwischen Bewährung und politischem Gegenwind

    AS

    Wie wird es unter diesen veränderten Bedingungen in den kommenden Jahren mit der IWWIT-Kampagne weitergehen?

    JG

    Ob es mit IWWIT weitergeht, wird alle fünf Jahre entschieden. Dann nämlich, wenn die Fördergeberinnen, das Bundesgesundheitsministerium und das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, unsere Arbeit evaluieren und unser Konzept für die Zukunft prüfen.

    AS

    Und das ist euch gelungen, trotz der deutlich veränderten politischen Stimmungslage?

    JG

    Ja, und wir sind sehr froh, dass wir die Verantwortlichen von der Notwendigkeit und Wichtigkeit unserer Arbeit, aber auch von unserem Konzept für die nächsten Jahre überzeugen konnten. Wir stellen allerdings auch fest, dass IWWIT als Projekt und auch das, wofür es steht, von vielen verschiedenen Akteur*innen verstärkt hinterfragt wird – jedoch nicht auf kritisch-konstruktive, sondern eher auf eine vernichtende und abwertende Art und Weise.

    Diese Entwicklung zeigt sich auch auf politischer Ebene, etwa durch kleine oder große Anfragen von einzelnen Parteien im Bundestag. Wir hatten durchaus Sorge, ob unsere Arbeit weiter gefördert wird. Andere wichtige Projekte, gerade auch im Bereich Gesundheitsförderung, Anti-Rassismus oder LGBTIQ*-Rechte, die auf öffentliche Mittel angewiesen sind, müssen um ihre Existenz bangen. Wenn gespart werden muss, fallen solche Initiativen und Projekte oft als erstes weg, weil sie zunehmend nicht mehr für wichtig erachtet und für verzichtbar gehalten werden.

    Kürzungen treffen queere Projekte: Einzelfälle oder Systemversagen?

    AS

    In einigen Städten, etwa in Potsdam und in Halle (Saale), mussten die lokalen Aidshilfen kürzlich ihre Schulpräventionsprojekte auf Eis legen, weil die Förderung dafür nicht verlängert wurde.

    JG

    Dies sind leider keine Einzelfälle. Die tatsächlichen Summen, mit denen solche und andere Projekte von Organisationen, Vereinen und Initiativen mit öffentlichen Zuschüssen gefördert werden, sind oft gar nicht so groß, aber sie stellen einen wichtigen Teil der Gesamtfinanzierung dar. Fehlt dieses Geld, entfallen die Angebote deshalb oft komplett.

    Wenn zum Beispiel ein Kontaktcafé oder eine Beratungsstelle zwar ehrenamtlich betrieben wird, die Raummiete aber bislang wesentlich durch Fördergelder finanziert wurde, gehen mit der Streichung dieser Gelder solche Orte verloren. Damit verlieren viele Menschen – seien es queere oder solche mit Migrationsgeschichte – eine wichtige Möglichkeit, Anschluss und Teilhabe am sozialen Leben zu finden. Auch deshalb ist es wichtig, dass Aidshilfe stabil bleibt – damit uns diese Netzwerke nicht verloren gehen und dadurch all die Menschen, die sonst durchs Raster fallen. Wir müssen also nicht nur unsere Orte und Angebote, sondern auch unsere Community stärken.

    AS

    Welchen Beitrag kann IWWIT dazu leisten?

    JG

    Die Aidshilfen und IWWIT haben Präventionsarbeit und auch sexuelle Bildung immer schon als politisch betrachtet. Denn wir stehen nicht nur für Menschen mit HIV, sondern für unterschiedlichste marginalisierte Gruppen ein. Zum Beispiel für Menschen mit HIV, die vielleicht jeglichen Zugang zu Gesundheitssystemen verlieren, sollte sich die politische Lage noch weiter zuspitzen. Wir stehen auch dafür ein, dass Menschen mit Fluchterfahrungen überhaupt einen Zugang zum Gesundheitssystem erhalten.

    Wir werden deshalb unsere Präventionsarbeit mehr als bisher auch mit einer politischen Bildungsarbeit verbinden. Denn wir merken, dass das eine nicht ohne das andere geht. Wir sprechen natürlich gerne über Sexualität und Sex, und alles, was dazugehört. Wir alle wollen Liebe, wollen Räume, in denen wir uns sicher und wohlfühlen, und wir wollen von der Gesellschaft als das anerkannt und respektiert werden, was wir sind: queere Menschen. Das alles jedoch ist nicht mehr selbstverständlich.

    Wir wollen die Community nicht nur aufklären, sondern auch dazu animieren, über solche Themen zu sprechen und nicht unsichtbar zu werden: Geht raus, trefft euch, verbündet euch!

    Digital präsent bleiben – und selbst aktiv werden

    AS

    Gerade solche analogen Angebote werden ja immer weniger, wie wir bereits festgestellt haben.

    JG

    Wir haben uns für die neue Förderperiode selbst einen klaren konzeptionellen Fokus gesetzt. Wir werden versuchen, stärker als zuvor auf den verschiedenen digitalen Plattformen, die wir bereits bespielen, präsent zu sein. Eben, um mehr denn je mit Menschen in Kontakt zu treten, die wir im analogen Leben, etwa bei Veranstaltungen während der CSD-Saison, nicht oder nicht mehr erreichen. IWWIT hat deshalb auch einen eigenen TikTok-Kanal gestartet, um auf diesem Weg eine weitere, sehr junge Zielgruppe mit hineinzuholen.

    AS

    Und hast du Tipps, was jede*r einzelne dazu beitragen kann, damit nicht nur Aidshilfe stabil bleibt, sondern auch unsere Community?

    JG

    Das ist eine gute Frage. Aktivismus hat sehr viele Facetten und es gibt zahlreiche Möglichkeiten, etwas zu bewirken. Du kannst mit vielen anderen gemeinsam auf einer CSD-Demo deine Rechte einfordern und für Sichtbarkeit sorgen. Du kannst einen Brief an einen Bundestagsabgeordneten oder an Verantwortliche in deiner Stadtverwaltung schreiben. Aber auch jedes einzelne Gespräch kann in deinem eigenen persönlichen Umfeld etwas ändern, allein dadurch, dass du klare Haltung zeigst.

    Wichtig dabei ist: Achte auf dich und bleib informiert. Es geht nicht allein darum, was im Bundestag oder bei den Parteien passiert, sondern auch, was bei dir auf lokaler Ebene, direkt vor der Haustür geschieht. IWWIT und die Deutsche Aidshilfe werden weiterhin eine vertrauenswürdige Plattform sein, wo ihr Informationen zu bestimmten Fragen erhaltet.

    Was mir aber auch wichtig ist zu sagen: Wir leben in unruhigen Zeiten und die vielen schlechten Nachrichten können uns mental belasten. Deshalb: Wer sich aktivistisch engagiert und Haltung zeigt, kann dies nur, wenn er auch auf sich selbst und die eigene Gesundheit achtet, und sich auch notwendige Ruhe und Auszeiten gönnt.

    Kampagne #AidshilfeBleibtStabil: Infos, Material und Sichtbarkeit

    Die Kampagne #AidshilfeBleibtStabil der Deutschen Aidshilfe setzt ein klares Zeichen gegen Rechtspopulismus, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Sie macht sichtbar, warum Aidshilfe-Arbeit gerade jetzt wichtig ist: für queere Communitys, für solidarische Gesundheitsarbeit und für Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind.

    Mehr zur Kampagne erfährst du auf magazin.hiv: Aidshilfe bleibt stabil.

    Die Aufkleber zur Kampagne kannst du direkt bestellen und dort einsetzen, wo Haltung sichtbar werden soll – zum Beispiel in Beratungsstellen, Community-Räumen, bei Veranstaltungen oder im Alltag. Klicke einfach auf ein Motiv, um zum jeweiligen Bestellangebot zu gelangen.

    Du brauchst jemanden zum Reden?

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  • Paragraph 175

    Paragraph 175

    Was ist Paragraph 175?

    Der § 175 des deutschen Strafgesetzbuchs war über 123 Jahre lang Gesetz in Deutschland (von 1871/1872 bis 10. Juni 1994). Er stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe und ermöglichte damit die staatliche Verfolgung schwuler und bisexueller Männer.

    Im Volksmund wurden Männer, die nach diesem Gesetz verfolgt oder verurteilt wurden, oft „175er“ genannt – also nach dem Paragrafen, der ihre Liebe kriminalisierte.

    Warum entstand der Paragraph 175?

    Als das Deutsche Reich 1871 entstand, übernahm es aus älteren Rechtsordnungen eine Strafnorm, die als „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern definiert wurde. Damit behandelte der Staat einvernehmliche homosexuelle Beziehungen als Verbrechen.

    Solche Regelungen gab es damals in vielen europäischen Ländern – sie waren Ausdruck einer weit verbreiteten Vorstellung, gleichgeschlechtliche Liebe sei „widernatürlich“ oder „unsittlich“.

    Paragraph 175 im historischen Überblick

    Zeitleiste

    Wichtige Stationen auf einen Blick.

    1949–1969

    Bundesrepublik Deutschland

    Die verschärfte NS-Fassung blieb bestehen. Einvernehmlicher Sex zwischen Männern blieb strafbar. Zehntausende Ermittlungsverfahren und Verurteilungen.

    1969

    Erste Reform

    Teilweise Entkriminalisierung in der BRD. Straffreiheit nur ab 21 Jahren. Weiterhin rechtliche Ungleichbehandlung.

    1973

    Weitere Lockerung des Paragraph 175

    Absenkung des Schutzalters auf 18 Jahre. Annäherung an heterosexuelle Altersgrenzen. § 175 blieb dennoch bestehen.

    1994

    Endgültige Abschaffung des Paragraph 175

    Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch. Ende einer über 120 Jahre bestehenden Sonderstrafnorm.

    ab 2002

    Aufarbeitung und Rehabilitierung

    Juristische Rehabilitierung der Verurteilten begann. Anerkennung staatlichen Unrechts. Erinnerung bleibt Teil queerer Geschichte.

    1871

    Einführung des Paragraph 175

    • Einführung mit dem Strafgesetzbuch des Deutschen Reichs.
    • „Widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern wurde strafbar.
    • Homosexuelle Männer galten offiziell als Straftäter.
    1871–1918

    Kaiserreich

    • Der § 175 blieb unverändert bestehen.
    • Strafverfolgung war Teil staatlicher Moral- und Ordnungspolitik.
    • Reformforderungen blieben ohne Wirkung.
    1918–1933

    Weimarer Republik

    • Der § 175 blieb trotz gesellschaftlicher Liberalisierung bestehen.
    • Mehrere Reformversuche scheiterten.
    • Aktivist*innen forderten die Abschaffung, ohne Erfolg.
    1935–1945

    Nationalsozialismus und Verschärfung

    • Massive Verschärfung des § 175 unter dem NS-Regime.
    • Strafbarkeit wurde auf alle „unzüchtigen“ Handlungen zwischen Männern ausgeweitet.
    • Weite Auslegung ermöglichte systematische Verfolgung.
    • Verhaftungen, Haftstrafen und Deportationen in Konzentrationslager.
    • Kennzeichnung der Betroffenen mit dem rosa Winkel.
    1945–1949

    Nachkriegszeit

    • Der § 175 blieb weiterhin gültig.
    • Die NS-Verschärfung wurde nicht aufgehoben.
    • Verfolgung homosexueller Männer setzte sich fort.
    1950er–1968

    Entwicklung in der DDR

    • Der § 175 wurde in den 1950er Jahren kaum noch angewendet.
    • 1968 weitgehende Streichung aus dem Strafrecht.
    • Nur sexuelle Handlungen mit Jugendlichen blieben reguliert.
    1949–1969

    Bundesrepublik Deutschland

    • Die verschärfte NS-Fassung blieb bestehen.
    • Einvernehmlicher Sex zwischen Männern blieb strafbar.
    • Zehntausende Ermittlungsverfahren und Verurteilungen.
    1969

    Erste Reform

    • Teilweise Entkriminalisierung in der BRD.
    • Straffreiheit nur ab 21 Jahren.
    • Weiterhin rechtliche Ungleichbehandlung.
    1973

    Weitere Lockerung des Paragraph 175

    • Absenkung des Schutzalters auf 18 Jahre.
    • Annäherung an heterosexuelle Altersgrenzen.
    • § 175 blieb dennoch bestehen.
    1994

    Endgültige Abschaffung des Paragraph 175

    • Streichung des § 175 aus dem Strafgesetzbuch.
    • Ende einer über 120 Jahre bestehenden Sonderstrafnorm.
    ab 2002

    Aufarbeitung und Rehabilitierung

    • Juristische Rehabilitierung der Verurteilten begann.
    • Anerkennung staatlichen Unrechts.
    • Erinnerung bleibt Teil queerer Geschichte.

    Gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung

    • § 175 war nicht nur ein juristisches Gesetz, sondern zentraler Ausdruck gesellschaftlicher Homophobie in Deutschland über viele Generationen.
    • Er prägte das Leben und die Freiheit schwuler Männer massiv: von Diskriminierung über Stigmatisierung bis zu Gefängnis und Verfolgung.

    Der Begriff „175er“ und der lange Kampf gegen diese Norm stehen deshalb nicht nur für rechtliche Unterdrückung, sondern auch für den langwierigen politischen und gesellschaftlichen Kampf um Anerkennung, Sichtbarkeit und Menschenrechte homosexueller Menschen in Deutschland.

    Häufige Fragen zum Paragraph 175

    Der Paragraph 175 gehört zu den dunkelsten Kapiteln deutscher Rechtsgeschichte. Hier beantworten wir zentrale Fragen zum Gesetz, seiner Anwendung und seiner Bedeutung bis heute.

    Was war der Paragraph 175?

    Der Paragraph 175 war ein Abschnitt im deutschen Strafgesetzbuch, der sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Er galt von 1871 bis 1994 und kriminalisierte homosexuelle Männer über mehr als ein Jahrhundert.

    Warum wurde der Paragraph 175 eingeführt?

    Der Paragraph 175 wurde 1871 im Deutschen Reich eingeführt. Er beruhte auf moralischen und gesellschaftlichen Vorstellungen der Zeit, die gleichgeschlechtliche Liebe als „widernatürlich“ oder „unsittlich“ betrachteten.

    Wie wurde der Paragraph 175 im Nationalsozialismus angewendet?

    Unter dem NS-Regime wurde der Paragraph 175 1935 massiv verschärft. Die Strafbarkeit wurde ausgeweitet, sodass bereits geringste Handlungen verfolgt werden konnten. Zehntausende Männer wurden verhaftet, verurteilt oder in Konzentrationslager deportiert.

    Galt der Paragraph 175 nach 1945 weiter?

    Ja. Nach dem Ende des Nationalsozialismus blieb der Paragraph 175 in beiden deutschen Staaten zunächst bestehen. Während er in der DDR später weitgehend abgeschafft wurde, galt in der Bundesrepublik Deutschland lange Zeit sogar die verschärfte NS-Fassung weiter.

    Wurden die Betroffenen rehabilitiert?

    Die juristische Rehabilitierung der nach Paragraph 175 verurteilten Männer begann erst ab 2002. Eine umfassende Anerkennung des erlittenen Unrechts erfolgte damit sehr spät.

    Warum ist der Paragraph 175 heute noch relevant?

    Der Paragraph 175 steht symbolisch für staatliche Diskriminierung und Verfolgung queerer Menschen. Seine Geschichte zeigt, wie Gesetze Menschenrechte verletzen können – und warum rechtliche Gleichstellung und Erinnerung so wichtig sind.

  • Was ist Transfeindlichkeit und warum steigt sie an?

    Was ist Transfeindlichkeit und warum steigt sie an?

    Neueste empirische Erhebungen zeigen einen Abwärtstrend in der Akzeptanz von queerer Vielfalt. Davon besonders betroffen sind trans Menschen. Das von der Robert Bosch Stiftung in Auftrag gegebene „Vielfaltsbarometer 2025“ bestätigt den Trend. Zwar liege die Akzeptanz weiterhin im positiven Bereich, nehme allerdings ab. Da die Studie trans als sexuelle Orientierung einordnet, bleiben spezifische Erkenntnisse weitgehend ausgeklammert.

    Zwei Aussagen jedoch haben einen trans Fokus und hier fallen die Werte besonders ins Auge: „Transsexuelle sollten unter sich bleiben“ und „Das Geschlecht zu ändern ist wider die Natur“. Die erste Aussage lehnten immerhin 56 % der Befragten ab, bei der zweiten waren es nur noch 34 %, während 23 % dem uneingeschränkt zustimmten (dazwischen noch die Abstufungen „stimmt wenig“ mit 18 % und „stimmt ziemlich“ mit 12 %).

    Was den Abwärtstrend bei der Akzeptanz angeht, so kennen wir entsprechende Befunde bereits aus den USA. Allerdings ist diesen empirischen Momentaufnahmen nicht zu entnehmen, warum das so ist. Genau das aber ist die eigentlich spannende Frage. Die Rede ist dann oft von Überforderung der Mehrheitsgesellschaft durch bestimmte Themen, auch von einer zunehmenden politischen Polarisierung mit der Folge einer Spaltung der Gesellschaft.

    Die Dauerbeschallung durch Rechtspopulisten und Rechtsextremisten – flankiert von angeblich feministischen sowie religiös-fundamentalistischen Gruppen – spielt eine wichtige Rolle. Das gilt umso mehr, wenn transfeindliche Positionen zum Regierungsprogramm erhoben werden, wie bei der erneuten Trump-Präsidentschaft in den USA seit Anfang des Jahres. Woran zum einen die Manipulierbarkeit von Einstellungen wie auch die Neigung, sich allgemeinen Stimmungen anzuschließen, leicht abzulesen ist.

    Drei Menschen halten sich an den Händen und trotzen Gegenwind – Symbolbild zu Transfeindlichkeit und Selbstbestimmung.
    Symbolbild: Trans Communities im Gegenwind – Selbstbestimmung gibt Halt.

    Was bedeutet Transfeindlichkeit – und wen trifft sie?

    So oder so, an der Tatsache, dass die Transfeindlichkeit in der Gesellschaft aktuell ansteigt, kommen wir nicht vorbei. Weil dem so ist, will ich mich hier näher mit der Frage befassen, was wir uns unter Transfeindlichkeit vorstellen müssen. Denn ihre Formen sind breit gefächert und auf den ersten Blick nicht unbedingt immer erkennbar. Leicht erkennbar jedoch sind ihre offenen Formen. Hass und Gewalt sind die sichtbarsten. Deren Anstieg dokumentiert wiederum die Polizeistatistik, wobei von einem nicht bezifferbaren Dunkelfeld auszugehen ist, also von Diskriminierungen, die gar nicht erst gemeldet und angezeigt werden, und auf der anderen Seite dürfte bei den steigenden Zahlen registrierter transfeindlicher Straftaten der letzten Zeit eine wachsende Sensibilisierung bei der Erfassung eine Rolle spielen.

    Um noch einmal auf das „Vielfaltsbarometer“ zurückzukommen. Auch darin wird Transfeindlichkeit zahlenmäßig ausgedrückt. Wenn nämlich 13 % der Befragten der Ansicht zustimmen, trans Personen sollten unter sich bleiben und 8 % diese Ansicht weitgehend teilen, dann heißt das nichts anderes, als dass sich ungefähr jeder Fünfte gegen die soziale Sichtbarkeit von trans ausspricht. Auch ohne die konkreten Motive zu kennen, so entspringen soziale Ausschlüsse am ehesten einer wie auch immer geprägten feindlichen Haltung. Auf jeden Fall stellt eine solche Haltung sowohl die Gleichberechtigung wie auch die gesellschaftliche Teilhabe von trans Personen in Frage.

    Auch für das zweite Statement sprechen die Zahlen im negativen Bereich für eine tendenzielle transfeindliche Haltung. Denn wer trans für widernatürlich hält, verortet sie am Ende im Spektrum von Krankheit und Perversion. Hier bliebe anzumerken, dass Biologie grundsätzlich als Einspruch gegen trans instrumentalisiert wird. Doch liegt dem ein Denkfehler zugrunde, indem man sich nämlich auf einen eingeengten, kulturell geprägten Begriff von Natürlichkeit beruft. Ich werde darauf später näher eingehen. Nur so viel vorab: Das Biologie-Argument im Kontext von trans erweist sich als einer der Favoriten im Sortiment transfeindlicher Narrative.

    Verdeckte Transfeindlichkeit: interne Dynamiken in trans und queeren Communities

    Ich will mich hier auf die versteckte, nicht immer offensichtliche Transfeindlichkeit konzentrieren, die gewissermaßen durch die Hintertür auftritt. Dass wir sie auch in der queeren Community und selbst in der trans Community finden, mag vielleicht überraschen und befremden, gehört aber leider zum Alltag. Die Beweggründe dafür sind schwer auszumachen, denn wenn eine trans Frau sich selbst als krank und anormal bezeichnet, sich vehement gegen die geschlechtliche Selbstbestimmung ausspricht, die sie letzten Endes durch ihre Transition ja in Anspruch genommen hat, mögen wir das zwar als eine regressive Haltung wahrnehmen, aber der eigentliche Beweggrund ist nicht zu erkennen. Ob es beispielsweise aus Selbsthass geschieht oder es sich um eine Internalisierung negativer Fremdzuschreibungen handelt, kann nur gemutmaßt werden.

    SBGG im Fokus: Schutz der Selbstbestimmung vs. Missbrauchsdebatte bei trans

    Ein breites Einfallstor für Transfeindlichkeit ist die Missbrauchs-Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) und die Tatsache, dass diejenigen, die es für eine Namens- und Personenstandsänderung (Änderung des Geschlechtseintrags) nutzen, weil sie trans, inter oder nichtbinär sind und deshalb einen nachvollziehbaren Grund haben, dies zu tun, durch einen niederschwelligen Antrag beim zuständigen Standesamt und durch Selbstauskunft erreichen. Genau das entspricht dem Kern geschlechtlicher Selbstbestimmung.

    Seit knapp einem Jahr ist nun das SBGG in Kraft und scheint im Großen und Ganzen zu funktionieren. Aktuell sollen es 22.000 Menschen bundesweit sein, die das Gesetz bisher in Anspruch genommen haben, wobei anzunehmen ist, dass die Zahl künftig niedriger liegen wird, denn mittlerweile dürfte der Anfangsstau abgebaut sein. Allerdings gab es darunter einen offenkundigen Missbrauchsfall durch eine rechtsextreme Person, einen Missbrauch mit Ansage und aus politischen Gründen, vor allem um das SBGG in Misskredit zu bringen.

    Waage und Richterhammer – Symbolbild zu SBGG, Selbstbestimmung und Debatte um transfeindlichen Missbrauch.
    Symbolbild: SBGG schützt Selbstbestimmung – die Missbrauchsdebatte nährt transfeindliche Narrative.

    Missbrauchsfall einordnen: SBGG schützen, Selbstbestimmung stärken – gegen transfeindliche Rückschritte

    Dass dadurch jedoch der Rechtsstaat ins Wanken kam oder das SBGG und damit die geschlechtliche Selbstbestimmung in Frage gestellt ist, lässt sich trotz einer aufgeheizten medialen Debatte wirklich nicht behaupten. Dass ein solcher Missbrauch letztlich einem transfeindlichen Impuls folgt, liegt auf der Hand. Die Lösung kann aber nicht sein, das Prinzip der Selbstbestimmung zu canceln, um etwa zur Begutachtung zurückzukehren, wie wir sie vom sogenannten Transsexuellengesetz kannten. Die Lösung kann nur sein, so meine Ansicht, dass ein offenkundiger Missbrauch eine Strafe nach sich zieht. Das heißt, das SBGG bedarf der Strafbewehrung.

    Schon die Entstehung des SBGG war von einer anhaltenden Missbrauchs-Debatte begleitet, die ein hochgradig transfeindliches Potential enthielt. Diskutiert wurde beispielsweise, dass Männer das Gesetz nutzen könnten, um sich Zugang zu geschlechtsspezifischen Räumen zu verschaffen, also Zugang zur Frauensauna, zum Frauengefängnis und allen Orten, die für weibliche Personen reserviert sind, wie Toiletten, Umkleideräume usw. Aber auch, um für sich etwa die Frauenquote zu kapern oder Frauenparkplätze in Anspruch zu nehmen.

    Selbst wenn dabei stets von Männern die Rede war, gerieten so auch trans Frauen unter den Radar des Missbrauchsverdachts, verbunden mit der Schlussfolgerung, dass der geänderte Geschlechtseintrag zwar auf dem Papier stehe, aber nicht in der Realität gelte. Vorbehalte und Ressentiments gegen trans Frauen schlugen hier voll zu Buche und hinterließen schließlich deutliche Spuren im Gesetzestext.

    Rechtliche Lücken: Militär-Paragraf, Gleichheitsgrundsatz und faktisch transfeindliche Effekte

    Das war ebenso der Fall beim sogenannten Militär-Paragrafen, der die Änderung des Geschlechtseintrags im Verteidigungsfall aussetzt, als ob trans weibliche Personen dann aufhören würden, trans zu sein. Trans Männer sind davon nicht betroffen, was mit Blick auf trans weibliche Personen den Gleichheitsgrundsatz verletzt, wonach alle Menschen gleich vor dem Gesetz seien.

    Auch dies ein Beispiel für eine nur schlecht versteckte und im Grunde eklatante trans Feindlichkeit, die unsere Integrität frontal angreift. Nebenbei bemerkt, scheint der Gesetzgeber das im Grundgesetz verankerte Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht zu kennen. Um das in Anspruch zu nehmen, braucht es keine Personenstandsänderung. Solche Szenarien zeigen, wie tief Vorbehalte gegenüber trans Menschen in der juristischen Praxis verankert sind. Das Paradebeispiel ist das sogenannte Transsexuellengesetz. Sein restriktiver Charakter führte zu mehreren Menschenrechtsverletzungen, die das Bundesverfassungsgericht Schritt für Schritt beseitigte.

    Lehrperson vorne erklärt einer Gruppe Wege aus Transfeindlichkeit – Aufklärung, Rechtsschutz und gelebte Selbstbestimmung.
    Skizze: Queere Lehrperson führt durch einen Workshop – Aufklärung, Rechtsschutz und gelebte Selbstbestimmung als Antworten auf Transfeindlichkeit.

    Geschlechtsidentität anerkennen: Sprache, Recht und Selbstbestimmung für trans Personen

    Wenden wir uns einem anderen Diskriminierungsfeld zu, das hier bereits kurz erwähnt wurde: Das ist die Rede vom sogenannten biologischen Geschlecht, mit der sich vor allem zweierlei Aussagen verbinden. Zum einen soll damit unterstrichen werden, dass es nur zwei Geschlechter gebe. Wobei niemand bei Verstand die Tatsache leugnen wird, dass es Frauen und Männer gibt mit einer unterscheidbaren Körperbeschaffenheit.

    Wo sich trans Menschen in einer durch die Fortpflanzung definierten geschlechtlichen Binarität wiederfinden, bleibt freilich offen. Denn über Keimdrüsen und Gene lässt sich trans nun mal nicht erklären. Andererseits ist die Existenz von trans ebenso eine Tatsache, die durch die Erkenntnisse der Ethnologie und Kulturgeschichtsforschung dahingehend ergänzt wird, dass es Menschen wie mich schon immer und überall auf der Welt gegeben hat, also Menschen, die einen Geschlechtsrollenwechsel vollzogen haben.

    Der als Verteidigung geschlechtlicher Vielfalt gemeinte Hinweis, die Natur kennzeichne ein Variantenreichtum, ist zwar zutreffend, wenn es um Geschlechtsmerkmale oder um hormonale und chromosomale Fragen geht, und als Einspruch gegen eine strikte Zweigeschlechtlichkeit nachvollziehbar, ist aber leider nicht wirklich hilfreich bei der Beantwortung der Frage, warum es trans gibt. Wir finden darin keine schlüssige Antwort. Dass dieses Warum (noch) nicht beantwortbar ist, macht uns – wenig überraschend – leicht angreifbar. Die breite trans feindliche Front bestätigt das.

    Wege aus der Transfeindlichkeit: Aufklärung, Rechtsschutz und gelebte Selbstbestimmung

    Ich hatte ja von zweierlei Aussagen im Zusammenhang mit der Rede vom biologischen Geschlecht gesprochen. Die erste Aussage behauptet, es gebe nur zwei Geschlechter und lässt trans Menschen außen vor. Die zweite leugnet die Geschlechtsidentität, also das, was die Lebenswirklichkeit von trans Personen prägt. Sie unterstellt, trans Menschen blieben ungeachtet körperverändernder Maßnahmen immer ihr Geburtsgeschlecht. Die Aussage lautet dann: eine trans Frau bleibe ein biologischer Mann und ein trans Mann eine biologische Frau. Solches Denken hat weitreichende Folgen. Seine Spuren lassen sich, ohne das hier vertiefen zu können, bis in die aktuelle Gesetzgebung verfolgen, indem dort ein Begriff wie Geschlechtsidentität konsequent vermieden wird. Die Konsequenz: trans bleibt ausgeklammert, zählt nicht mit, wo immer es um Fragen von Geschlecht geht.

    Ich glaube es ist offenkundig, was daran transfeindlich ist. Es ist ein Frontalangriff auf unsere Integrität, der den Zweifel an unserer menschlichen ‚Echtheit‘ in sich trägt. Das Selbstbestimmungsgesetz ermöglicht uns einerseits die geschlechtliche Selbstbestimmung, aber behandelt die bestätigte Geschlechtsidentität als etwas Zweitklassiges, nicht Vollwertiges.

    Wege aus der Transfeindlichkeit: Aufklärung und Selbstbestimmung

    Es besteht wohl kein Zweifel daran, dass wir immer noch – trotz allem Erreichten – am Anfang stehen. Das SBGG wurde gemacht für trans , inter und nichtbinäre Menschen, doch wie es aussieht, muss wohl die Gesellschaft als Ganzes erst noch geschlechtsmündig werden.

    FAQ zu Transfeindlichkeit

    Dieser FAQ-Bereich erklärt Transfeindlichkeit und zeigt Wege heraus – mit Fokus auf trans Perspektiven, SBGG und Selbstbestimmung. Nutze diesen FAQ-Bereich, um Definitionen, Zahlen, Rechtsschutz und praktische Tipps schnell zu finden.

    Was ist Transfeindlichkeit?

    Transfeindlichkeit sind abwertende Haltungen, Sprache oder Handlungen gegenüber trans Personen – von Spott und Misgendern bis zu Diskriminierung und Gewalt. Sie wirkt individuell, institutionell und strukturell und mindert Sichtbarkeit sowie Selbstbestimmung.

    Warum steigt Transfeindlichkeit an?

    Polarisierte Debatten, Desinformation und politischer Rückenwind für transfeindliche Narrative verstärken Vorurteile. Wo Emotionen dominieren und Fakten fehlen, sinkt Akzeptanz; einflussreiche Akteurinnen und Akteure beschleunigen diesen Effekt.

    Welche Formen von Transfeindlichkeit gibt es?

    Offen: Beschimpfungen, Drohungen, Übergriffe. Verdeckt: Gatekeeping, bürokratische Hürden, Ignorieren von Geschlechtsidentität und das „Biologie“-Totschlagargument. Beides schränkt Teilhabe und Selbstbestimmung ein.

    Was ist das SBGG?

    Das SBGG ist das Selbstbestimmungsgesetz. Es vereinfacht für trans, inter und nichtbinäre Menschen die Änderung von Namen und Geschlechtseintrag und stärkt damit rechtliche Selbstbestimmung.

    Welche Rolle spielt das SBGG im Kontext von Transfeindlichkeit?

    Es baut Hürden ab und schützt Würde. Zugleich wird es in Missbrauchsdebatten teils transfeindlich instrumentalisiert. Ziel sollte sein, klar gegen Missbrauch vorzugehen, ohne das Prinzip der Selbstbestimmung zu schwächen.

    Was ist das Selbstbestimmungsgesetz?

    Das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) regelt, wie Menschen ihren Vornamen und den Geschlechtseintrag eigenverantwortlich ändern können. Es ersetzt entwürdigende Begutachtungen, erleichtert Verfahren und stärkt Rechtsschutz und Selbstbestimmung.

  • Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“ – heute und vor 100 Jahren

    Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“ – heute und vor 100 Jahren

    Was gilt überhaupt als Nacktheit?

    Unser YouTube-Kanal wurde Anfang Juni gesperrt. Grund? Angebliche „Nacktheit“. Diese Art von Sperren wirft oft die Frage nach queerer Zensur auf. Man könnte hier darüber diskutieren, was die Darstellung von Nacktheit überhaupt bedeutet. Ist es einfach bloße Haut, also zum Beispiel ein Video von fröhlichen Männern ohne Oberteil, die ihre Gesellschaft genießen, sich aber auf keinen Fall sexuell betätigen? Oder wird eine Abbildung erst dann als pornografisch eingestuft, wenn Geschlechtsteile sichtbar sind, unabhängig vom Kontext? Ist Nacktheit immer etwas Schlechtes oder kann sie auch guten Zwecken dienen?

    Dass man sich im Jahr 2025 solche Fragen stellen muss, verdeutlicht am besten, wie weit die Gesellschaft durch den Rechtsruck der letzten Jahre zurückgefallen ist. Wir täuschen uns nicht: Es ist kein Zufall, dass dieser Schritt ausgerechnet in einer Zeit erfolgt, in der rechte und rechtsextreme Diskurse drastisch zunehmen und die U.S.-amerikanischen Großkonzerne – unsere angeblichen „Verbündeten“ – sich unter dem Einfluss von Donald Trumps Anti-„Woke“-Politik selbst demaskieren. Sobald ein anderer politischer Wind weht und sich die Unterstützung nicht mehr lohnt, zeigen die Großen wie Meta und Alphabet ihr wahres Gesicht. Die Rechte von LSBTIQ+-Menschen haben sie nie ernst gemeint, sie wollten damit nur Geld verdienen. Dass das, was als Richtlinienverstoß definiert wird, in erster Linie Diversity-Bestrebungen – darunter queere Aufklärung und Präventionsarbeit – trifft, ist symptomatisch.

    Abgesehen davon, dass Nacktheit einfach ästhetisch ist – das wussten schon die Künstler der Antike –, spielte sie in der modernen Geschichte oftmals sogar eine aktivistische und politische Rolle. Der Kampf gegen Nacktheit (sowohl tatsächliche als auch vermeintliche) in jeder Form ist ebenso alt. Im folgenden Beitrag sollen Parallelen zwischen der heutigen und der ersten deutschen queeren Bewegung (ca. 1897–1933) aufgezeigt werden. Der Kontext ist zwar ein anderer, doch die Herausforderungen sind alles andere als neu.

    Die Anfänge eines Kampfs um Selbstbestimmung

    Titelblatt von Karl Heinrich Ulrichs’ Schrift „Vindex“ von 1864 – eine der ersten juristischen Verteidigungen homosexueller Liebe.
    “Vindex”, die erste Schrift von Karl Heinrich Ulrichs, die unter dem Pseudonym „Numa Numantius“ veröffentlicht wurde. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulrichs_1_-_Vindex.jpg)

    Der moderne queere Aktivismus hat seinen Ursprung im späten neunzehnten Jahrhundert in Deutschland. Die in erster Linie publizistische Aktivität des frühen Pioniers Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895) beeinflusste die späteren Mitstreiter*innen stark. Dennoch veröffentlichte Ulrichs seine Schriften unter dem Pseudonym „Numa Numantius“, da die Konsequenzen einer affirmativen Behandlung von Homosexualität gravierend hätten sein können.

    Von Ulrichs ließ sich ein weiterer queerer Pionier beeinflussen, und zwar Magnus Hirschfeld (1868-1935), Mitgründer des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK) und Herausgeber seines Organs, des „Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen“. 1919 gründete er das Institut für Sexualwissenschaft, die erste weltweit anerkannte queere Aufklärungseinrichtung, die bald nach der Machtübernahme durch die Nazis geplündert wurde. Was Hirschfeld von anderen Anführern der „Homosexuellen“-Bewegung unterschied, war seine Inklusivität gegenüber verschiedenen Formen des Queer-Seins und unterschiedlichen sozialen Gruppen: „Tanten“, effeminierten Männern, maskulinen Frauen, trans* Menschen sowie Sexarbeiter*innen.

    Männliche Prostitution explizit war ein zentraler Streitpunkt im queeraktivistischen Milieu der Zeit. Unter der Leitung von Friedrich Radszuweit handelte der Bund für Menschenrecht (BfM), die ab 1923 führende und größte queere Dachorganisation in Deutschland, nach dem Leitprinzip der „Respektabilität“, das die Solidarität mit „unanständigen“ Queers opferte. Die 1903 gegründete Gemeinschaft der Eigenen (GdE) hingegen war eine reinmännliche Gruppierung von elitären und konservativen Antifeministen, die Frauen lediglich in einer untergeordneten Rolle als Mütter und Hauspflegerinnen sahen.

    Der Kampf mit „unzüchtigen Schriften“

    Titelseite der Zeitschrift „Der Eigene“ von 1919 mit zwei nackten Männern im Garten – ein Beispiel früher queerer Selbstrepräsentation und der damit verbundenen Zensurgeschichte.
    Eine Ausgabe von “Der Eigene” aus dem Jahr 1919. Die Zeitschrift enthielt regelmäßig Abbildungen von nackten Männern und sogar Jungs und Jugendlichen. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Der_Eigene_1919_vol_7.jpg) Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ulrichs_1_-_Vindex.jpg)

    Trotz seiner problematischen ideologischen Haltung hat auch Adolf Brand (1874-1945), Mitgründer und langjähriger Leiter der GdE, einige Verdienste um die queere Emanzipation. Die von ihm ab 1896 unregelmäßig herausgegebene Zeitschrift „Der Eigene“ ist nach aktuellem Kenntnisstand die erste homosexuelle Zeitschrift der Welt, auch wenn sie sich an eine eher gehobene (und implizit männliche) Leserschaft richtete. Da „Der Eigene“ öfter Abbildungen von nackten Männern enthielt und damit gegen den Paragraf 184 (Verkauf und Verbreitung „unzüchtiger“ Schriften) verstieß, musste sich Brand mehrmals vor Gericht verantworten und sogar Haftstrafen verbüßen. Dem „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen“ als einer wissenschaftlichen Publikation ist es übrigens gelungen, von einem ähnlichen Schicksal verschont zu bleiben.

    Es muss hier angemerkt werden, dass viele Fotos in „Der Eigene“ auch aus heutiger Sicht tatsächlich sehr problematisch sind, weil sie oftmals nackte Jungs und Jugendlichen darstellen. Thematisiert wurde dies unter anderem in der Ausstellung „Aufarbeiten: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Zeichen von Emanzipation“ im Schwulen Museum Ende 2023 und Anfang 2024.

    Nach dem Inkrafttreten der Weimarer Verfassung 1919 entwickelte sich die queere Emanzipation zu einer Massenbewegung. Ermöglicht wurde dies durch die Herausgabe der Zeitschrift „Die Freundschaft“, die queere Menschen in ganz Deutschland vernetzte und die Gründung von lokalen „Freundschaftsvereinen“ in Gang setzte. Doch von Anfang an musste die Redaktion mit Unannehmlichkeiten rechnen: Bereits in den ersten Wochen erfolgte eine Meldung an die Behörden. Zwar wurde der Herausgeber Karl Schultz im März 1920 von der Anklage der Verletzung der Sittlichkeit gemäß § 184 freigesprochen, ein Jahr später wurde er jedoch zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt.

    Diesmal lautete die Straftat Kuppelei. Wie wurde diese Anklage begründet? Ausschlaggebend dafür waren die Inserate, also persönliche Annoncen, die das Kennenlernen und womöglich – so die Argumentation des Gerichts – auch den sexuellen Kontakt von queeren Menschen förderten. Folglich verschwanden sie aus der Zeitschrift und waren nun nur noch im Rahmen eines Abonnements eines separaten Extrablatts erhältlich.

    Bewahrung der Jugend

    Inseratenseite aus der Zeitschrift „Die Freundschaft“ mit Kontaktanzeigen queerer Männer – historisches Beispiel für queere Vernetzung und Sichtbarkeit in der Weimarer Republik.
    Eine Beispiel-Inseratenseite aus „Die Freundin“. Annoncen waren öfter Gegenstand großer Kontroversen und sogar strafrechtlicher Verfahren. Quelle: Forum Queeres Archiv München (https://archiv.forummuenchen.org/zeitschrift/die-freundin/)

    Im Februar 1923 kehrten die rechtlichen Probleme von „Die Freundschaft“ zurück. Im Zuge eines erneuten Zensurverfahrens wurde die Zeitschrift von den Behörden für drei Monate eingestellt. 1926 verabschiedete der Reichstag das Gesetz „zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften“, an dessen Entstehung die christlichen „Sittlichkeitsvereine“ maßgeblich beteiligt waren. Es führte eine Liste unzüchtiger Schriften ein, die nicht nur queere Literatur umfasste und auf die individuelle Ausgaben gesetzt werden konnten. Ein entsprechender Eintrag bedeutete, dass die jeweilige Ausgabe nicht öffentlich ausgelegt, sondern nur noch auf Anfrage (also quasi unter dem Ladentisch) verkauft werden durfte. Begründet wurde dies, wie der Name des Gesetzes schon andeutet, mit Jugendschutz.

    Etliche Ausgaben von queeren Zeitschriften, darunter „Frauenliebe“ im Jahr 1927 und „Die Insel“ im Jahr 1928, haben es auf die Liste geschafft. Eine übliche Gegenstrategie war es, die Zeitschrift unter einem anderen Titel zu verkaufen, um die Ausgabenkontinuität nicht zu unterbrechen. So wurde „Die Freundin” in den Jahren 1928–29 als „Ledige Frauen” verkauft, nachdem die Erstere auf die Liste gesetzt worden war. Manchmal gerieten einzelne Zeitungshändler in Schwierigkeiten, ohne dass sie über das Verbot einzelner Ausgaben Bescheid wussten.

    Andere Facetten der Zensur

    Buchcover von Walter Homanns „Tagebuch einer männlichen Braut“ mit einer historischen Fotografie einer Person in einem Hochzeitskleid – inspiriert von der trans Identität von Dina Alma de Paradeda.
    Walter Homanns Roman „Tagebuch einer männlichen Braut“. Auch wenn die zwei Zensurverfahren scheiterten, mussten Kürzungen des kontroversesten Materials vorgenommen werden. Quelle: Männerschwarm Verlag (https://www.maennerschwarm.de/buch/tagebuch-einer-maennlichen-braut/)

    Auch Romane und Filme fielen der Zensur zum Opfer. Ein Beispiel ist Walter Homanns Tagebuch einer männlichen Braut, das von der Geschichte der selbsternannten „Comtesse“ (oder Gräfin) Dina Alma de Paradeda inspiriert wurde. Sogar zweimal (1907 und 1928) wurde der Roman Gegenstand eines Zensurverfahrens. Auch wenn beide Prozesse für das Buch positiv ausgingen, führte das große Aufsehen um die Publikation dazu, dass in den nächsten Ausgaben das kontroverseste Material gekürzt wurde.

    Der erste deutsche Film und einer der ersten weltweit, die Homosexualität thematisierten – Richard Oswalds Anders als die Andern -, wurde im August 1920, über ein Jahr nach seiner Premiere, verboten. Die Produktion handelt zwar von der gleichgeschlechtlichen Liebe eines Musikers zu seinem erwachsenen Schüler, Zärtlichkeiten sind darin jedoch kaum zu sehen, geschweige denn ein Kuss. Trotzdem löste der Film riesige Kontroversen aus und es kam in vielen Städten deutschlandweit zu Protesten gegen die Ausstrahlung.

    Hirschfeld, der maßgeblich an dem Film mitwirkte und aufgrund seiner Tätigkeit schon früher Anfeindungen ausgesetzt gewesen war, wurde infolge der Kontroversen zum Erzfeind der Rechtsextremen. Er wurde mehrmals überfallen, im Oktober 1920 in München sogar so schlimm, dass einige Zeitungen vorschnell seinen Tod verkündeten. Einige seiner Vorträge wurden unter ausdrücklicher Bezugnahme auf seine Mitarbeit beim Film abgesagt, andere arteten in Randale mit dem Einsatz von Stinkbomben und Feuerwerkskörpern aus.

    Filmposter von „Anders als die Andern“ (1920) – erster deutscher Spielfilm mit homosexuellem Thema, mit wissenschaftlicher Beratung durch Magnus Hirschfeld.
    Poster des Films „Anders als die Andern“, der im August 1920 nach über einem Jahr von Protesten verboten wurde. Quelle: Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anders_als_die_andern_1919_poster.jpg)

    Eine andere Form der „Zensur“ und Einschüchterung, die einen eigenen Artikel verdient, ist die polizeiliche Überwachung queerer Treffpunkte. In Städten wie Dresden, Chemnitz, München und Hannover wurden Queers in den 1920ern sogar registriert und verhört. Auch Razzien waren keine Seltenheit: So wurde beispielsweise am 2. Juli 1921 eine Party des Görlitzer Freundschaftsvereins im Hotel Namenlos durch eine Aktion der lokalen Polizei unterbrochen. Insgesamt wurden 23 Personen festgenommen und bis 12 Uhr am nächsten Tag inhaftiert, zwei davon sogar einen Tag länger. Der Vorwurf lautete Zuhälterei, letztendlich wurde jedoch keine Anklage erhoben.

    Technologische Repression

    Heute leben wir natürlich in einer anderen Welt und genießen deutlich mehr Akzeptanz und Rechte als unsere queeren Vorfahren. Doch gerade diese werden zunehmend in Frage gestellt, sodass die Errungenschaften der Kämpfe der letzten sechzig Jahre in Gefahr geraten. Vor diesem Hintergrund erscheint die Allianz der Rechtsextremen mit großen Technologiekonzernen umso erschreckender.

    Was vor einhundert Jahren offenkundig und aggressiv von Behörden als Unzucht, Verletzung der Sittlichkeit oder im Namen des Jugendschutzes bekämpft wurde, wird heute viel subtiler und scheinbar harmloser angegangen. Unter dem Deckmantel der „Community Guidelines“, „Safe” oder „Advertiser-friendly Content“ werden queere Inhalte, Safer-Sex-Aufklärung und HIV-Prävention zensiert. Dabei sind manche Formen der Zensur, wie zum Beispiel das Shadow-Banning oder Altersbeschränkungen, nicht sofort erkennbar und somit viel unsichtbarer. Außerdem werden Entscheidungen über die Zulassung von Online-Inhalten nicht von Menschen, sondern immer mehr von Algorithmen getroffen.

    Dies kann im schlimmsten Szenario Leben kosten. Vor allem queere Jugendliche brauchen Zugang zu Informationen, die sie nicht nur über sexuelle Gesundheit aufklären, sondern auch vor Minderwertigkeitsgefühlen oder sogar Selbstmordgedanken schützen. HIV-Prävention und queere Bildungsarbeit darf unter keinen Umständen Opfer des Algorithmus-Regimes fallen.

    Immer wenn vor den Gefahren der zunehmenden rechten Radikalisierung der Gesellschaft und der Möglichkeit einer rechtsextremen Regierung gewarnt wird, sagen viele: „So schlimm wird es nicht sein.“ Genauso hat man auch vor ein hundert Jahren die Perspektive einer Machtübernahme durch Adolf Hitler kleingeredet. Vor ein paar Jahren schien das Risiko eines politischen Datenmissbrauchs durch US-amerikanische Big-Tech-Konzerne ebenfalls unwahrscheinlich und wurde von vielen bagatellisiert. Heute dürfen wir uns dessen nicht mehr so sicher sein.

    Bibliographie

    Beachy, Robert. Gay Berlin: Birthplace of a Modern Identity. 2014. New York City: Vintage Books, 2015.

    Foit, Mathias. Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages. Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.

    Dobler, Jens. “Nachwort.” In Tagebuch einer männlichen Braut, hrsg. Dobler, 154–175. Hamburg: Männerschwarm Verlag, 2010.

    —. Polizei und Homosexuelle in der Weimarer Republik: Zur Konstruktion des Sündenbabels. Berlin: Metropol Verlag, 2020.

    —.“Zensur von Büchern und Zeitschriften mit homosexueller Thematik in der Weimarer Republik.” Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 2 (2000): 85–104.

    Malakaj, Ervin. Anders als die Andern. Montreal, Quebec: McGill-Queen’s University Press, 2023.

    Micheler, Stefan. Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik. Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.

    Vendrell, Javier Samper. The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic. Toronto: University of Toronto Press, 2020.

    Mehr zu Zensur & Sichtbarkeit

    Pressebericht:

    YouTube löscht schwulen Präventionskanal – pünktlich zum Pride Month

    Stellungnahme von IWWIT:

    Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

  • Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

    Unser IWWIT-YouTube-Kanal wurde gelöscht

    Pünktlich zum Pride Month hat YouTube unseren Kanal ohne jede Vorwarnung entfernt.
    Die Begründung? Unsere Videos zu Sexualität, queeren Lebensrealitäten und Safer Sex würden gegen Richtlinien zu „Sex und Nacktheit“ verstoßen – und seien angeblich „eine Gefahr für die Community“.

    Das ist ein Schlag ins Gesicht – nicht nur für uns,
    sondern für alle, die sich für Aufklärung, Sichtbarkeit und sexuelle Gesundheit einsetzen.

    Wir sagen: Das lassen wir uns nicht gefallen.

    Unsere Arbeit hat einen klaren öffentlichen Auftrag:

    Menschen stärken. Aufklären. Safer Sex fördern.

    Geschlechtliche Identitäten sichtbar machen.

    Wir machen keine Pornos.
    Wir machen Empowerment – für schwule, bi+, trans und queere Menschen.

    Mittlerweile müssen wir Begriffe wie „Sex“ sogar mit zwei G schreiben („Segg“) oder durch Sonderzeichen verschleiern – nur damit der Algorithmus uns nicht blockiert.

    Was jetzt?
    Wir machen weiter. Laut. Sichtbar. Unbequem.

    Wir lassen uns nicht zum Schweigen bringen.
    Unsere Arbeit ist wichtig – und wir setzen sie fort.

    Was genau passiert ist, erzählen wir euch im Video unten:

    Erklärung zum Video

    Kampagnenleitung: Jonathan Gregory
    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Chris*tian Gaa

    Pünktlich zum Pride Month wurde der Präventionskanal der Deutschen Aidshilfe von YouTube gelöscht. In diesem Video erklärt Jonathan die Hintergründe und wie es dazu kommen konnte. Chris aus der Presseabteilung ordnet ein, warum der Kanal so wichtig für queere Gesundheitsaufklärung ist.

    Für Presseanfragen und weitere Informationen wende dich gern an uns per E-Mail. christian.gaa@dah.aidshilfe.de

    Hilf mit, queere Aufklärung sichtbar zu halten!

    Teile unser Video.
    Sprich darüber.
    Unterstütze queere Sichtbarkeit.

    Denn: Aufklärung ist ein Menschenrecht – kein Regelverstoß.

    Pressebericht zu diesem Thema:

  • Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Wider die Selbstbestimmung: Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt von rechts

    Bild: Noah Elio Weinmann – https://noah-elio.com/

     

    Redaktionsnotiz: Dieser Artikel wurde vom Kulturanthropologen Patrick Wielowiejski aus seiner wissenschaftlichen Perspektive geschrieben. Wielowiejski hat sich im Rahmen seiner Forschungsarbeiten spezifisch mit der AfD auseinandergesetzt. Uns ist wichtig zu betonen, dass viele der hier beschriebenen Ideologien und Positionen nicht auf die AfD beschränkt sind, sondern auch in anderen Teilen der Gesellschaft vorzufinden sind, weswegen wir uns für eine Veröffentlichung zur Diskussion in unserer Community entschieden haben.

    Der Artikel ist eine Zweitveröffentlichung, die uns freundlicherweise von Geschichte der Gegenwart zur Verfügung gestellt wurde. Dafür bedanken wir uns herzlich. Quelle/bzw. Erstveröffentlichung: https://geschichtedergegenwart.ch/wider-die-selbstbestimmung-geschlechtliche-und-sexuelle-vielfalt-von-rechts/

     


     

    Selbstbestimmung ist laut der AfD eigentlich eine gute Sache. Im Leitantrag für ihr Programm zur Bundestagswahl ist unter anderem davon die Rede, dass Menschen mit Behinderungen „ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben“ führen können sollen; einem „staatlich erzeugte[n] Impfdruck“ wird „das im Grundgesetz verankerte Selbstbestimmungsrecht der Bürger über ihre körperliche Integrität“ entgegengehalten; und auch die geforderte Verschärfung von Asyl- und Migrationspolitik wird mit diesem Begriff begründet: „Eine existentielle Frage wie die Zuwanderung, muss in freier Selbstbestimmung auf nationaler Ebene entschieden werden.“

    Wenn es um die geschlechtliche Identität geht, ist es für die AfD mit Selbstbestimmung jedoch vorbei. Sie will das von der Ampel-Koalition eingeführte „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag“ wieder zurücknehmen, das am 1. November 2024 in Kraft getreten ist. Dieses Gesetz erleichtert es trans, inter und nichtbinären Menschen, ihren Personenstand und ihren Vornamen zu ändern. Es stellt in seiner Definition von Geschlecht nicht auf vermeintliche biologische Tatsachen ab, sondern auf die selbst empfundene Geschlechtsidentität. Demgegenüber fordert die AfD: „Die Realität der Zweigeschlechtlichkeit muss wieder anerkannt werden[.]“ Darin äußert sich der Antiliberalismus der AfD, denn die Idee sexueller und geschlechtlicher Selbstbestimmung setzt voraus, dass das Subjekt über ein gewisses Maß an Freiheit in Bezug auf seine eigene Identität verfügt.

    Dies bedeutet indes nicht, dass Lesben, Schwule, Bisexuelle und trans Personen von der AfD als solche ausgeschlossen würden, was in der Öffentlichkeit oft als Widerspruch wahrgenommen wird. In der Tat integriert die AfD vor allem Homosexuelle, insbesondere schwule Männer, in ihre Reihen und auch rechte trans Personen organisieren sich in der AfD. Solange sie die „Realität der Zweigeschlechtlichkeit“ anerkennen und damit queere Auffassungen von Geschlecht und Sexualität zurückweisen, werden LGBT-Personen von der AfD toleriert. Wie ist das zu verstehen?

    Zwischen Homonationalismus und Antiliberalismus

    In einer ethnografischen Forschung zwischen 2017 und 2019 bin ich dem Zusammenhang von Rechtspopulismus und Homosexualität gefolgt (Rechtspopulismus und Homosexualität. Eine Ethnografie der Feindschaft, Campus 2024, Open Access). Mich hat dabei interessiert, auf welche Arten und Weisen sich die AfD heute auf Homosexualität bezieht. Die zentralen Protagonisten dieses politischen Feldes sind die „Alternativen Homosexuellen“ (AHO) – eine Handvoll schwuler AfD-Politiker, deren Ziel darin besteht, sowohl in die Partei hineinzuwirken als auch nach außen zu vermitteln, dass es sich nicht ausschließt, rechts und schwul zugleich zu sein. Dies ist zwar historisch nichts Neues – prominente rechte homosexuelle Männer waren etwa der SA-Führer Ernst Röhm oder der Neonazi Michael Kühnen. Doch während diese aus ihren eigenen Reihen heraus bekämpft wurden, werden die Mitglieder der AHO in der AfD größtenteils akzeptiert. Zur Zeit meiner Feldforschung wurde gar erzählt, ein prominenter Berliner AfD-Politiker habe behauptet, in seinem Berufsleben noch nie mit so vielen Homosexuellen zu tun gehabt zu haben wie in der AfD.

    „Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit.“

    Eine naheliegende Begründung für diese Verschiebung ist, dass die Befürwortung von liberalen LGBT-Rechten zum Ausweis von Modernität par excellence und zum moralischen Aushängeschild des Westens geworden ist. „Homonationalismus“ hat die US-amerikanische Geschlechter- und Queertheoretikerin Jasbir Puar diese Situation in ihrem Buch Terrorist Assemblages genannt. Sich positiv auf die Rechte von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten zu beziehen und deren Gefährdung durch eine „Islamisierung“ Europas zu behaupten, ist für die AfD also schlicht strategisch klug – es ist eine rhetorische Modernisierung analog zur dédiabolisation des damaligen französischen Front National (heute Rassemblement National) durch Marine Le Pen. Das islamfeindliche Motto „Ich habe keine Lust, die Emanzipation von Frauen und Schwulen noch einmal zu wiederholen“, das der niederländische Rechtspopulist Pim Fortuyn Anfang der 2000er Jahre formulierte, gehört inzwischen zum rechten Alltagsverstand. In Bezug auf die Rechte von trans Personen lässt sich ähnlich argumentieren, was die Politikwissenschaftlerin Judith Goetz als „Transchauvinismus“ bezeichnet.

    Nun können aber längst nicht alle in der AfD und erst recht nicht im weiteren Feld der äußeren Rechten etwas mit „liberalen westlichen Werten“ anfangen. Einige sehen nicht im Islam die größte Bedrohung der Gegenwart, sondern in Liberalismus und US-amerikanischer Hegemonie – etwa der ehemalige Geschichtslehrer und Publizist Karlheinz Weißmann. LGBT-Personen, die ihre „Abnormalität“ (O-Ton mehrerer meiner Gesprächspartner) zum Thema machen, stehen nach wie vor unter Dekadenzverdacht. Wer von Emanzipation spricht, setzt voraus, dass ungleiche Machtverhältnisse veränderbar sind – und diese Annahme hält die äußere Rechte für bedrohlich. Demgegenüber ruft die ethnosexistische Figur des patriarchalen und homophoben muslimischen Mannes aus dem Nahen Osten bei manchen rechten Männern durchaus Faszination und Bewunderung hervor.

    Deswegen präsentieren sich die LGBT-Rechtspopulist:innen der Gegenwart als Feinde nicht nur des Islams, sondern auch als Feinde der Linken. Während einer Veranstaltung der AHO in Essen im Juni 2018 sprach Matthias „das freundliche Gesicht des NS“ Helferich ein Grußwort, in dem er unter anderem Folgendes sagte:

    „Bei dem Thema Homosexualität, da ist der Begriff Normalität auch immer ein Streitpunkt. Wissen Sie, was ich finde? Ich finde die Alternative Homosexuellenorganisation ganz furchtbar normal, wenn ich mir die Linken in dem Land anschaue. Denn was zur Normalität gehört, ist, dass man seine Heimat liebt und dass man einen positiven Identitätsbezug hat zu seiner Heimat und zu seinem patriotischen Ich. Und ich möchte viel lieber in der Normalität der Alternativen Homosexuellenorganisation leben als in der Normalität, die gerade in unser Land hineinkommt, in der Normalität der Viel-, Kinder- und Zwangsehen.“

    Rechte Homosexuelle sind demzufolge immerhin „normaler“ als „die Linken in dem Land“. Für jemanden wie Helferich sind sie also zumindest strategisch als Bündnispartner:innen ernst zu nehmen.

    Essentialismus statt Emanzipation

    Ein zentrales Element im rechten Kulturkampf gegen die imaginierte linke Hegemonie ist der Kampf gegen „Gender-Ideologie“. Die „Überhöhung“ von LGBT-Personen und ihren Anliegen ist in den Augen der äußeren Rechten Teil dieser Ideologie. LGBTs innerhalb der AfD müssen nicht nur glaubhaft machen, damit nichts zu tun zu haben, sondern argumentativ und performativ die vermeintlichen Annahmen der „Gender-Ideologie“ widerlegen. Leitmotiv ihres politischen Handelns kann dementsprechend gerade nicht geschlechtliche und sexuelle Selbstbestimmung sein, vielmehr ist es die Orientierung an einem essentialistischen Verständnis von Geschlecht und Sexualität. Ein klares Bekenntnis dazu ist die unhintergehbare Bedingung für die Integration von LGBT-Personen in die äußere Rechte sowie für ihre Normalisierung. Wenn es in dem erwähnten Leitantrag für das Programm zur Bundestagswahl heißt: „Weiblichkeit und Männlichkeit […] mit ihren unterschiedlichen Potentialen sind etwas Positives. Dadurch können sich Frauen und Männer hervorragend ergänzen“, dann müssen die LGBTs in der AfD unmissverständlich klar machen, dass sie das ebenso sehen. Mit anderen Worten: Gerade weil ihnen aufgrund ihrer geschlechtlichen beziehungsweise sexuellen Identität der Gender-Verdacht anhaftet, müssen sie die größten Antigenderist:innen von allen sein.

    Für schwule Männer heißt das etwa, dass sie bestätigen müssen, ohne jeden Zweifel männlich zu sein. Einer meiner Gesprächspartner – ein Landtagsabgeordneter der AfD, den ich Andreas nenne – beschrieb es einmal so: „Als Mann einen Mann zu lieben ist eine doppelte Entscheidung fürs Männlichsein.“ Oder in den Worten von Björn Höcke (im Gespräch mit dem Künstler und Publizisten Sebastian Hennig in dem Buch Nie zweimal in denselben Fluss): „Es gibt eine ganze Zahl von schwulen Männern, die in ihrer Männlichkeit mehr gefestigt sind als so manche ‚Heteros‘ – auch in der Politik.“ Da das Ziel der „Gender-Ideologie“ die Gleichmachung und letztendliche Abschaffung der Geschlechter sei, sehen die „Alternativen Homosexuellen“ dadurch ihre Identität als schwule Männer gefährdet.

    Das sind Argumente, die schon manche Teile der homosexuellen Emanzipationsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts teilten. Um 1900 war etwa die „Gemeinschaft der Eigenen“ des Schriftstellers Adolf Brand der Ansicht, dass männliche Homosexualität eine überlegene Form der Männlichkeit sei. Damit bezog sie Position gegen Magnus Hirschfelds Theorie sexueller Zwischenstufen und die Idee von Homosexuellen als „Drittes Geschlecht“. AfD-Landtagsabgeordneter Andreas legte mir die Lektüre von Hans Blühers Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft von 1917 ans Herz, die eine seiner Inspirationsquellen war. Blüher war bekannt als antisemitischer und antifeministischer Schriftsteller und frühes Mitglied der deutschen Wandervogelbewegung. Er vertrat die Meinung, dass Staat und Gesellschaft vom mannmännlichen Eros – das heißt dem homoerotisch verstandenen Männerbund – zusammengehalten werden. Dass Andreas selbst dem Bild des schwulen Männerhelden nicht entsprach und mir gegenüber gern mit einer gewissen Tuntigkeit kokettierte, deutet jedoch auch auf den Widerspruch zwischen politischer Rhetorik und gelebter Realität hin – um nicht zu sagen: auf die Performativität von Geschlecht auch in der äußeren Rechten.

    Der schwule Antigenderismus muss also zeigen, dass Homosexualität auf keinen Fall etwas mit der Überschreitung von Geschlechtergrenzen zu tun hat. Während hier Männlichkeit sogar noch bestätigt wird, müssen rechte trans Personen anders argumentieren, denn bei ihnen fallen das bei der Geburt zugewiesene und das selbst empfundene Geschlecht auseinander. Die Sozialarbeiterin und Geschlechterforscherin Katrin Degen hat in ihrem Buch Flexible Normalität biologistische, religiöse und pragmatische Strategien herausgearbeitet, mithilfe derer rechte trans Personen ihre eigene Existenz als vereinbar mit einer rechten Weltsicht verargumentieren. Zum Beispiel schreibt eine sich als transsexuell identifizierende Frau auf dem Blog des schwulen katholischen Theologen und rechten Publizisten David Berger davon, das nur in binärer Ausprägung existierende „Gehirngeschlecht“ sei „manchmal entgegengesetzt zum genetischen Geschlecht“. Zentral ist es für diese Akteur:innen demnach, die eigene Transgeschlechtlichkeit so aufzufassen, dass sie die Binarität der Geschlechter nicht widerlegt, sondern bestätigt: Auch wenn es sich um ein „Auseinanderfallen von Gehirn und Genetik“ handle, sei die Geschlechtsidentität durch die Biologie determiniert und nicht veränderbar. Andreas beschrieb das so: „Gerade dieses Wissen, dass man eine Frau im männlichen Körper ist oder umgekehrt, beweist doch gerade, dass es nur diese zwei Geschlechter gibt.“

    Queerfeindliche LGBTs – oder doch lieber Selbstbestimmung?

    Geschlecht und Sexualität waren für die äußere Rechte immer schon zentrale Aushandlungsorte ihrer Politik. Im antiliberalen Kulturkampf, den die Rechte gegenwärtig beschwört, äußert sich das so, dass ein essentialistisches Verständnis von Geschlecht und Sexualität gegenüber einem emanzipatorischen oder konstruktivistischen in Stellung gebracht wird. Die Idee der Selbstbestimmung wird als linke Allmachtsfantasie verworfen. Im Ergebnis haben wir es nicht primär mit Homo- oder Transfeindlichkeit zu tun (auch wenn diese mitnichten ganz verschwunden sind), sondern vor allem mit Queerfeindlichkeit. Das heißt, dass manche Teile der sogenannten Community in den historischen Block der Rechten integriert werden können – nämlich diejenigen, die das Phantasma einer natürlichen, stabilen, eindeutigen Identität bestätigen. Oder, kurz gesagt, die am wenigsten queeren von ihnen.

    Die rechten Bündnisse und ihr Konsens bleiben jedoch widersprüchlich und fragil. Einerseits verbindet die AfD mit der Integration von geschlechtlichen und sexuellen Minderheiten die Hoffnung, gesamtgesellschaftlich anschlussfähiger zu werden. Andererseits ist es für rechte Homosexuelle und trans Personen harte Arbeit, sowohl innerhalb der AfD als auch nach außen hin zu plausibilisieren, wieso man gut ins rechte Lager passt. Vor allem ist fraglich, ob die vorgebrachten Argumente LGBT-Personen in der Breite überzeugen können. Vielleicht ist Selbstbestimmung doch das attraktivere politische Angebot.

  • From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com

    As Pride celebrations grow and proliferate, they often become sites of controversy: What is being celebrated—the diversity of the community or just the visibility of a select few? Who gets to take part in this celebration, and who is left out or sidelined? From corporate sponsorships to grassroots protests, author Ahmed Awadalla examines the ever-evolving landscape of LGBTIQ+ Pride in Germany.

    Berlin stands apart. If you ask someone in the city about attending a Pride event, they’ll likely respond with another question: „Which one?“ This is the essence of Berlin—a metropolis that hosts a multitude of queer marches and initiatives, each with its own distinct priorities and vision of the LGBTIQ+ experience. In a city this vast, with its diverse communities and subcultures, there’s always a space where one can feel seen—or at least, it seems that way.

    Having lived in Berlin for years, I’ve witnessed the Pride landscape shift and evolve, with each event embodying a different interpretation of queerness. What first stood out to me during my early summers in the city was the name „Christopher Street Day“ (CSD)—a direct reference to the American Stonewall Riots. These riots erupted in response to persistent police harassment following a raid on a New York bar. Although a pivotal moment in queer history, the choice felt curious, if not a little dissonant, considering Germany’s deep history of advocacy for queer rights.

    Naturally, when I first arrived in Berlin, I was eager to join a queer march in the hope of finding community and connection. My first march wasn’t a typical Pride event but a protest organized by Nasser Al-Ahmad, a young Lebanese man who faced brutal violence from his family after coming out. The march began outside a mosque in Neukölln to challenge the role of religious institutions in promoting homophobia. Despite Nasser’s efforts to emphasize that homophobia wasn’t just “a Muslim problem,” media coverage framed the issue as a clash between queer and migrant communities, pitting them against each other.

    As I marched, I quickly noticed how out of place I felt in the predominantly white crowd. At one point, a woman asked me to move aside, assuming I wasn’t part of the protest, likely because of my appearance. This made me question my own belonging in a space that was supposed to be about solidarity and plurality. It highlighted the uncomfortable reality that even within queer spaces, not everyone feels welcomed or understood. Different people I spoke to had their own take on what Pride means to them. For some, it feels like home, while for others, it remains a space where their struggles are made invisible.

    Between Celebration and Commercialization

    The first German CSD took place in Berlin in 1979, inspired by American Pride events but soon adapted to local politics. What began as passionate protests for LGBTQ+ rights has, over time, turned into something much more mainstream and commercialized. Big companies and political parties now play a more significant role. This trend is part of a larger pattern called “rainbow capitalism,” where businesses use LGBTQ+ symbols and slogans for profit, while urgent issues facing the community, especially those on its margins, are pushed aside.

    “Honestly, I couldn’t stand it,” said Mahdi, a community member who left CSD Berlin this year after just 10 minutes. “Pharma companies, banks, and internet giants—what do they have to do with our struggle?” Mahdi’s frustration is palpable. For him, the sight of straight people occupying corporate floats felt like another layer of erasure. “I get that allies are important, but they need to be mindful of the space they take up,” Mahdi added, reflecting a common sentiment among those who feel mainstream Pride has lost its way.

    But not everyone shares this sense of alienation. “For me, my reasons for going to CSD are two-fold,” said Cameron, a regular CSD attendee. “The principles of Pride are still very worthy. It’s a day where we can celebrate our LGBTQ+ identities and reflect on how we’re not just tolerated but accepted and even celebrated by wider society.” Cameron acknowledges the criticisms about corporate influence but admits that, for him, it doesn’t overshadow the event’s value. “Yes, the parade has been hijacked by corporate interests, but the party atmosphere—dancing in the rain to Spice Girls with queer folks from all over the world—is still magical. It’s just fun!”

    Cameron recognizes his own privilege within these spaces. “I haven’t felt excluded because I fit the classic stereotype of a white gay male. I can see why others might feel less represented,” he admitted. Hassan, a gay man of color, shares Cameron’s sentiment: “My birthday aligns with CSD Berlin, so my friends visit me from other cities, and we get to experience this collective joy, dressing however we want. It’s a time to truly celebrate together.”

    Tensions Under the Rainbow

    While some are disillusioned by Pride’s shift away from its radical roots, others appreciate it as a space for self-acceptance. But this raises a fundamental question: Should Pride be about identity or action? Is it enough to reclaim our identities as a response to the shame society imposes, or should Pride be about taking meaningful steps toward change? And if so, what kind of action?

    These debates aren’t new. In the 1990s, the group Gay Shame emerged in the U.S. to challenge the focus on identity and visibility over activism. They argued that simply transforming shame into pride wasn’t enough without confronting systemic oppression through tangible actions like supporting trans rights and fighting against economic inequality. Their stance echoed the message: “None of us is free until all of us are free.”

    In Berlin, I found a similar spirit at Alternative CSD (Kreuzberg Pride), which rejected corporate sponsorship and focused on grassroots activism, taking on issues like poverty and gentrification. But internal conflicts eventually led to its end, showing that even in activist spaces, disagreements can break down solidarity. After a hiatus, Internationalist Queer Pride emerged in 2021 with a bold political stance that demands revolutionary action to dismantle all forms of oppression. They advocate for environmental justice, decriminalizing sex work, supporting Indigenous and migrant rights, and abolishing border regimes

    “It’s empowering to see so many diverse groups coming together for a bigger cause,” says Andreas, a cis white queer man who attended this year’s Internationalist Queer Pride (IQP). However, he adds, “This year’s event was traumatic for many participants due to the police’s excessive use of violence.” For Andreas, this repression is reminiscent of the early days of queer activism, like the Stonewall riots, when police were viewed as a threat, not allies. This controversy around the police’s role is also present on a global scale. For example, Pride Toronto banned police participation following concerns about police brutality and racial profiling raised by the Black Lives Matter movement.

    Dozens of arrests were reported during Internationalist Queer Pride (IQP) this year, directly linked to one of the most contentious issues in Germany: the ongoing atrocities in Palestine. Demonstrations in solidarity with Palestinian communities have frequently faced severe police crackdowns, viewed as an unprecedented restriction of free speech. Germany’s stance is often framed through the concept of Staatsräson, which reflects the country’s commitment to protecting Israel’s security due to historical responsibility for the Holocaust. Critics argue that this has translated into unconditional support for Israeli violations of international law.

    The Dyke* March and The Persistence of Patriarchy

    The Dyke* March, which began in the 1990s to promote lesbian visibility, has since expanded to include women, trans, and non-binary individuals. Cisgender men are asked not to participate, creating a space where these voices and experiences are centered without being overshadowed. Like Kreuzberg Pride, the Dyke* March remains focused on activism and intersectionality, resisting the trend towards commercialization. However, police violence was also reported at this year’s Dyke* March, on the backdrop of Palestinian solidarity.

    Two people I talked to have been regularly attending the Dyke* March. Sarah thinks that patriarchy is still a problem within the queer community and that it manifests in how many queer spaces cater primarily to the male experience. “Yes, there are more FLINTA* spaces and events now, but it’s still not enough,” she said. “We need to keep pushing for real change, not just more visibility.” Mar, who identifies as non-binary, also finds it important to attend: “I can be read as a cis male because of my appearance, but I think building a shared understanding shouldn’t be based solely on appearance. The experiences of not feeling safe in our bodies and in public spaces are significant things we should come together based on.”

    Right-Wing Return and the Full Circle

    While the tensions between police and demonstrators in Berlin may seem like a historical throwback to the early days of activism, another issue warrants serious attention. In 2024, right-wing groups in Germany have increasingly targeted Pride events, particularly in East Germany. These anti-CSD marches are part of a broader trend of rising nationalism and xenophobia in the country. Although images of neo-Nazis in places like Bautzen have generated significant concern on social media, a persistent narrative in German politics portrays homophobia, transphobia, and anti-Semitism as problems imported from elsewhere. This downplays the actual threat posed by right-wing groups that have demonstrated their presence both on the streets and within the German parliament.

    There is no better lesson than the one we are learning now: we must understand issues of xenophobia and injustices related to gender and sexuality as inseparable. With the current existential threats, Pride seems to have come full circle, and we must confront the question of what it means to gather collectively and for what purpose.