Interview mit Antonio Sarcevic zu Vorurteilen und Stereotypen Bi+
Im Gespräch über Erfahrungen, Perspektiven und Themen, die bewegen.
Bi Erasure und der Mythos von der Phase
Welches Vorurteil über Bi+ hörst du am häufigsten – und was möchtest du darauf antworten?
Das häufigste Vorurteil ist meiner Meinung, dass es nicht-monosexuelle Menschen gar nicht gäbe. Die häufigste Form von bi erasure, also dem Ignorieren bis aktiven Verleugnen von Bi+Identitäten, ist die Annahme, dass bisexuelle Männer eigentlich schwul seien und bisexuelle Frauen eigentlich heterosexuell. Es wird dann oft behauptet Bi+ Menschen „wollen nur Aufmerksamkeit“ oder „haben sich noch nicht entschieden“ oder seien „verwirrt von ihren Gefühlen“. Natürlich soll sich diese angebliche „eigentliche“ Attraktion zufälligerweise exklusiv auf Männer richten.
Leute mit diesem Gedankengut nehmen sich heraus, uns besser zu verstehen als wir uns selbst. Es kommt sicherlich vor, dass es schwule Männer gibt, die sich zeitweise als bisexuell identifiziert haben. Ebenso dürfen und werden auch heterosexuelle Frauen ihre Sexualität hinterfragen. Ich bin auch der Meinung, jede Person sollte mal wagen, ihre eigene Identität zu hinterfragen. Bi erasure ist allerdings nie gerechtfertigt, egal wie oft fälschliche Annahmen bestätigt werden.
Die Natur der Bisexualität ist, dass sie fluide ist, und das ist ja auch das Schöne. Sie erlaubt diese Übergänge und Schattierungen zwischen verschiedenen sexuellen Identitäten. Jedoch sollte nie von einzelnen Personen auf eine Gruppe geschlossen werden. Es gibt eine Vielzahl an diversen bisexuellen Lebenserfahrungen. Viele Bi+ Menschen mit einer stabilen sexuellen Identität sind höchstens davon verwirrt, wieso ständig ihre Existenz hinterfragt wird.
Warum hält sich der Mythos, Bi+ sei nur eine „Phase“ oder ein „Experiment“ und man müsse sich irgendwann für ein Geschlecht entscheiden?
Das hängt in meinen Augen, neben biphoben Vorurteilen und der oben beschriebenen bi erasure, auch damit zusammen, dass monogame und romantische Beziehungen gesellschaftlich auf ein Podest gestellt werden. Angeblich suchen alle Menschen nur die einzig wahre und ewige Liebe, möchte heiraten und eine atomare Familie gründen. Innerhalb dieser Norm wirkt die Wahl einer Partnerperson wie die Entscheidung für ein Geschlecht, schließlich soll die Beziehung ja ewig halten. Konzepte wie Polyamorie, also die Fähigkeit mehrere Menschen gleichzeitig ehrlich zu lieben, diverse Lebens- und Familienkonzepte oder aromantische und asexuelle Identitäten haben es noch sehr schwer mit der Akzeptanz in der Gesellschaft.
Wichtig ist natürlich anzuerkennen, dass Bi+ nicht gleich Polyamorie ist: Es gibt polyamore Menschen die monosexuell sind und es gibt pansexuelle Menschen die eine monogame Beziehung wollen. Es gibt auch polysexuelle aromantische Menschen und biromantische asexuelle Menschen. Queerness ist so wunderbar facettenreich und es gibt viele verschiedene Überscheidungen von verschiedenen Identitäten.
Und selbst wenn es für manche Menschen eine Phase sein sollte: Ist das nicht völlig in Ordnung? Ich glaube, für die allermeisten ist es das dennoch nicht. Obwohl die verschiedenen Anziehungen fluide sind, kann die bisexuelle Identität stabil sein. Und was ist schlimm daran, wenn sich Menschen ausprobieren und experimentieren wollen? Solange nicht böswillig mit Gefühlen gespielt wird und jede Person ihren Konsens gibt, ist das in meinen Augen einfach nur schön!
Coming-out, Selbstwert und Identität
Welche Auswirkungen haben solche Klischees auf das Coming-out und das Selbstwertgefühl?
Sehr häufig wird gefragt, zu welchem Geschlecht denn jetzt die Anziehung am größten sei – das fühlt sich so an, als würde man doch in eine Kiste gestopft werden. Bisexuelle Menschen sind nicht jeweils zu 40/60 oder 80/20 Prozent homo und hetero, sondern 100 % bisexuell. Ja, viele bisexuelle Menschen haben Präferenzen, jedoch löscht diese „stärkere“ Anziehung nicht „schwächere“ Anziehung in andere Richtungen aus. Viele Menschen erleben ihre Sexualität und Anziehungen auch in Zyklen, dem sogenannten bi-cycle. Für viele ist es fluide, für viele andere ist das Geschlecht größtenteils bis komplett irrelevant für die sexuelle oder romantische Anziehung. Ich glaube, für die meisten Menschen, ob Bi+ oder nicht, ist die charakterliche Chemie das Allerwichtigste für eine langfristige Beziehung.
Was bedeutet Bi+ für dich persönlich – abseits von Klischees und Schubladen?
Bi+ zu sein, bedeutet für mich, frei und ehrlich zu sein. Nach langer harter Arbeit an dem Verständnis und der Akzeptanz für mich selbst darf ich Gefühle und Anziehung endlich authentisch erleben und kann Menschen unabhängig vom Geschlecht betrachten und wertschätzen, als ganzer Mensch. Das hat mir auch extrem geholfen, um meine Geschlechtsidentität zu hinterfragen und zu formen. Ich verstehe außerdem als bisexuelle Person besser die Zwischenstufen und Zusammenhänge von Privilegien und Unterdrückung. Das hilft mir, Solidarität mit anderen zu fühlen.
Verstanden und angenommen werden
Wie gehst du mit Aussagen wie „Du bist doch eigentlich schwul/hetero“ um?
Tatsächlich höre ist das nicht viel in meinem Alltag. Ich erlebe Biphobie und bi erasure primär im Internet oder in anderen Medien und dort nicht direkt gegen mich als Person gerichtet. Dadurch, dass aktuell meine engste Beziehung mit einer Frau ist, werde ich wahrscheinlich primär als hetero gelesen. Darüber wird dann natürlich selten gesprochen, weil es ja „der Regel“ entspricht.
Wenn ich mich oute, in einem Umfeld, in dem ich mich wohl genug fühle, stoße ich in den meisten Fällen auf Verständnis oder ehrliche Neugier. Ich glaube, lediglich meine Eltern haben es immer noch nicht so richtig verstanden und verarbeitet, aber mit denen spreche ich darüber nicht weiter. Dennoch war ich froh, mich irgendwann auch bei ihnen geoutet zu haben, um nicht mehr das Gefühl zu haben, einen Teil von mir selbst zu leugnen.
Was wünschen sich Bi+ Menschen von Freund*innen, Familie und Partner*innen?
Das Wichtigste sind Akzeptanz und tatsächlich als Bi+ verstanden zu werden. Informiert euch und zeigt aktiv, dass ihr diese Identität ernst nehmt. Wenn Menschen ihre sexuelle Identität hinterfragen, dann drängt sie nicht in irgendwelche Richtungen, sondern akzeptiert den Zustand des Hinterfragens als solchen.
Die eigene Identität zu hinterfragen, ist eine intensive Arbeit. Es ist grundsätzlich notwendig, sich ständig zu reflektieren, um sein authentisches Ich zu finden und besser zu verstehen, auch wenn dabei kein neues Label gefunden wird. In diesem Prozess habe ich mir, so wie bestimmt viele andere, einfach gewünscht, emotional gehalten zu werden.
Mehr Bi+ Sichtbarkeit
Welche Missverständnisse begegnen dir besonders häufig beim Dating?
Ich habe tatsächlich in meinem Leben wenig gedatet. Meine aktuelle Beziehung habe ich beim Job kennengelernt. In der recht kurzen Zeit, in der ich gedatet habe, sind Missverständnisse eher daraus entstanden, dass ich polyamor bin, und parallel schon in einer romantischen Beziehung war.
Wie erlebst du Sichtbarkeit als Bi+ Person – gibt es genug positive Vorbilder?
Wie gesagt, ist bi erasure ein großes Thema, daher ist die Sichtbarkeit für Bi+ Personen extrem limitiert. Ich bin dankbar über jedes Fünkchen Repräsentation, das wir in den Medien bekommen. Mir kommen da z. B. Nick Nelson aus Heartstopper, Rosa Diaz aus Brooklyn Nine-Nine oder die Serien Fleabag und Sense8 in den Sinn. Gesellschaftlich gibt es jedoch definitiv noch Luft nach oben.
Es wird immer angenommen, dass Menschen die „passende“ Sexualität zu ihrer romantischen Beziehung haben. Es hilft auch nicht, wenn Bi+ Charaktere oder Prominente als monosexuell umgedichtet werden. Zum Beispiel ist Brokeback Mountain kein „gay cowboy movie“, sondern offensichtlich ein bisexual shepard movie! Freddie Mercury hat sich zwar nie gelabelt, aber öffentlich mehrere Geschlechter gedated, jedoch wird im Film Bohemian Rapsody ein schwuler Mann gezeichnet, dessen Queerness für seinen Untergang gesorgt habe.
Ich wünsche mir, das Biphobie und bi erasure aufgearbeitet werden. Ich wünsche mir, dass mehr Personen in der Öffentlichkeit ein Bi+Label tragen und sich für Sichtbarkeit einsetzen, und dass wir mehr Geschichten bekommen, welche diverse bisexuellen Erfahrungen erkunden.
Bi+ ohne starre Grenzen
Welchen Satz über Bi+ würdest du am liebsten nie wieder hören?
Ich kann es nicht mehr hören, vor allem wenn es von anderen queeren Menschen kommt, dass bisexuelle Menschen angeblich „nur auf Männer und Frauen“ stehen würden. Im schlimmsten Fall wird noch dazu gesagt, dass sie „nur auf cis Männer und Frauen“ stehen.
Bisexuelle sind in der Regel nicht besessen von der patriarchal geprägten binären Geschlechterordnung. Das „bi“ in bisexuell steht nicht für „die zwei Geschlechter“, sondern für das, was außerhalb der binären bzw. monosexuellen Orientierungen homo und hetero stattfindet. Das Bisexual Manifesto, das 1990 in der US amerikanischen Bi+ aktivistischen Zeitschrift Anything That Moves abgedruckt wurde, und vorher bereits verbreitet wurde, sagte damals schon explizit: „Do not assume that bisexuality is binary or dougamous in nature; that we must have ,two’ sides or that we MUST be involved simultaneously with both genders to be fulfilled human beings. In fact, don’t assume that there are only two genders.“
(Auf deutsch: „Gehe nicht davon aus, dass Bisexualität binär oder eine Dichotomie ist, dass wir ‚zwei‘ Seiten haben müssen oder dass wir uns gleichzeitig mit beiden Geschlechtern einlassen MÜSSEN, um erfüllte Menschen zu sein. Gehe tatsächlich nicht davon aus, dass es nur zwei Geschlechter gibt.“).
Ja, es gibt einzelne transphobe bisexuelle Menschen, aber das Problem ist eben deren Transphobie, nicht deren Bisexualität.
Was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade ihre Bi- oder Pansexualität entdecken?
Erst einmal: Ich bin unendlich stolz auf euch, dass ihr es wagt, die Identität, die euch zugeordnet wurde, zu hinterfragen. Egal wo ihr am Ende landet, werdet ihr – wenn ihr da ehrlich herangeht –durch die innere Arbeit näher zu euch selbst finden. Bitte lasst euch nicht durch Labels und die damit verknüpften Stereotype verunsichern. Labels sind da, um zu beschreiben, statt vorzuschreiben. Tragt also ein Label, das euch befreit, statt euch einzuengen. Egal, wie spezifisch oder vage es erscheinen mag, oder ob es für andere Sinn ergibt: Es soll zu euch passen.
Ihr müsst auch gar kein Label tragen oder könnt einfach im hinterfragenden Zustand bleiben, wenn ihr euch damit wohlfühlt. „Questioning“ kann auch eine stabile Identität sein. Es gibt nicht den einen Weg, Bi+ zu sein. Es gibt nicht den einen Weg, queer zu sein. Identität ist nun mal etwas extrem Individuelles. Du bist valide, egal wie fest deine Identität ist. Du verdienst, dass Leute dir glauben, dass du am besten weißt, wer du bist. Bisexualität ist immer für alle offen, die ihre Fluidität zulassen und erkunden wollen – egal ob als Zwischenstopp oder Ziellinie, solange ihr euch nur selbst treu bleibt.