Gayzine

Mein Weg zu Bi+

Rolf erzählt von ersten zärtlichen Erfahrungen mit einem Mann, seinem Weg in die Bi+ Community und davon, wie wichtig Sichtbarkeit, Austausch und sichere Räume für ihn geworden sind. Es geht um Nähe, Coming-out, Selbstbestimmung und darum, immer mehr so leben zu können, wie er wirklich sein möchte.

Es war eine gelungene und völlig überfüllte Party, zu der wir beide eingeladen hatten. Nun sind wir in dem Chaos alleine geblieben und liegen dösend auf einer Matratze mitten im Raum. Der Tag hat bereits begonnen. Ein neues Jahr! Er ist wunderschön mit seinen langen blonden Haaren und seinem zarten Gesicht. Kein Wunder, dass ihn viele umschwärmen. Ich genieße die viele gemeinsame Zeit und die Aktivitäten mit ihm.

Als er mich plötzlich berührt, kommt es völlig überraschend. Ich habe gedacht, er schläft. Ein Moment, der sich öffnet wie eine Tür. Ich drehe mich zu ihm, aber meine Augen bleiben geschlossen. Auch er tut so, als wäre es eine zufällige Berührung im Schlaf. So denke ich. Wir reiben zärtlich unsere Körper aneinander. Irgendwann schlafen wir ein.

Beim Milchkaffee macht er eine nette Bemerkung. Aber wir reden über anderes. Zum Abschied gebe ich ihn einen kurzen Kuss. Noch lange habe ich gehofft, dass wir wieder zärtlich werden. Manchmal haben wir zusammen nackt im Bett gelegen. Aber meine Annäherungen wurden nicht erwidert. Ich glaube, er hat sich nicht mehr getraut. Der Moment war vergangen.

Es war mein erstes zärtliches und romantisches Erlebnis mit einem Mann. Es war eine aufregende Zeit. Wir waren jung.

Manchmal blicke ich mit einem Lächeln zurück. Männer und Frauen sind in mein Leben getreten und wieder gegangen. Aber dieser eine Moment bleibt mir immer in Erinnerung. Vielleicht war es Liebe. So unerfüllt, aber dennoch schön.

Fotoshooting Serkis zu der Kampagne Biconic | Sven Serkis

Einige Jahre zurück.

Leicht tragen mich meine Füße. Sie scheinen zu schweben. Ich bin auf dem Weg nach Hause, umschlungen von einem Gefühl der Bestätigung und der Befreiung. Mein erstes Bi+Meetup.

Mitten im Sommer war ich eher zufällig auf dem CSD neben dieser riesengroßen Fahne in den Farben Pink, Lila und Blau gelaufen. Viele mussten diese Fahne halten. Nach einer Weile wurde ich gefragt. Ich nahm mir ein Stück und ließ es bis zum Ende nicht mehr los. Wir haben sie dann zusammengefaltet: „Komm doch zum Treffen!“

Einige bekannte Gesichter, als ich zum Bi+Stammtisch erschien. Heute hoste ich Bi+Meetups, und ich frage andere, wie aufregend der erste Besuch war. Die vielen Gespräche über die Jahre sind mein treuer Begleiter. Hier kann ich mich auch feminin kleiden, wie ich es immer wollte, aber nicht getraut habe.

Heute freue ich mich, wenn neue Gesichter auf den Meetups erscheinen. Ich hoffe dieser Safer Space kann ihnen helfen. Auch außerhalb versuche ich heute so zu sein, wie ich es immer sein wollte. Selbstbewusst und stark.

Neulich stellte sich ein neuer Kollege vor: „Ich bin sowieso, mache dies und das, und ich bin heterosexuell.“ Nein, ist tatsächlich nie passiert. Wäre aber ein guter Einstieg in ein Gespräch gewesen. „Seit wann? Wie hast du es bemerkt?“

Coming-out, kompliziert, kein Must-have und auch kein Gütesiegel!

Aber wann hattest du dein Coming-out? „Zu unterschiedlichsten Gelegenheiten“, würde ich antworten. In einer diversen Gesellschaft – so frei ich sie mir wünsche – gehe ich einfach vom „Schlimmsten“ aus: Mein Gegenüber ist anders als ich selbst. Sichtbarkeit ist wichtig und hilft gegen Vorurteile! Ein Coming-out kann auch andere dazu bewegen sich zu outen.

Und so wichtig der sichtbare Protest und Widerstand in der Christopher Street, im Stonewall Inn 1969 und später war, so unverändert, aber dennoch anders ist die Situation heute.

Und wer mich fragen will, kann mich gerne fragen. Es gibt die vielen Antworten. Weil wir alle anders sind.

„Meine Ärztin sagt, ich muss mich in letzter Zeit angesteckt haben, und ungeschützten Sex hatte ich da nur mit dir“, schrieb ich in den Chat. „Und du solltest dich unbedingt darauf testen lassen“, ergänzte ich. Ich hätte auch angerufen, aber wir hatten schon einige Wochen keinen Kontakt. Und ich wollte ganz sachlich und ohne Schuldzuweisung die Sache ansprechen.

Na gut, die letzten Male war ich genervt von seinen Drogenexzessen. Beim Ausgehen kam er erst in Fahrt, wenn wir anderen schon angetrunken nach Hause wollten. Und dann im Bett umso geiler. Vielleicht ging es ja auch darum. Nur war ich dann eigentlich nicht in Stimmung, auch wenn sich sein Po sehr schön anfühlte, den er mir entgegenstreckte. Und da ich gerade noch so konnte, ist es dann mal wieder passiert. Ohne Kondom.

Das fühlte sich auch OK an, weil wir doch schon ein längeres Verhältnis hatten und ich ihm vertraute.

Darüber geredet haben wir nie. Auch war es keine richtige Beziehung. Zumindest keine ausgesprochene. Ich habe ihn dann mal zufällig wieder getroffen. Gesund sah er nicht aus. Vielleicht waren es auch die Drogen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich das nicht besser handeln kann. Da kann ich nur von Glück sprechen, dass es bis auf das eine Mal gut gegangen ist. Nun ist alles – zumindest bei mir – wieder gut. Ich weiß nur nicht, ob ich diese Lektion wirklich gelernt habe.

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