Schwuler Sex

Gefesselt durch die Nacht!

Eigentlich sollte es ein unkomplizierter Freitagabend werden: zwei sympathische Kerle, ein Play Room und ein bisschen Abenteuer. Stattdessen bekam unser Autor Jason Voss eine Lektion über Leistungsdruck, Verletzlichkeit – und darüber, wie befreiend es sein kann, die Kontrolle abzugeben.

Person in schwarzer Latexkleidung und schwarzer Maske

Unsere Stadt hat manchmal diese besondere Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, die sich unter anderen Umständen vermutlich nie begegnet wären. In meinem Fall begann alles in einer Bar, deren Publikum eher Leder bevorzugt und in der das Wort „Dresscode“ deutlich fantasievoller interpretiert wird als auf einer Firmenfeier.

Dort lernte ich Felix und Alexander kennen*. Die beiden sind seit Jahren ein Paar. Ihre Rollenverteilung war offensichtlich. Der kleinere, drahtige Felix ist der Sub und Alexander sein Master. Wir kamen ins Gespräch, verstanden uns auf Anhieb und landeten irgendwann dort, wo in solchen Bars Gespräche gelegentlich enden: im Darkroom. Unsere Begegnung dort blieb verspielt, unkompliziert und vor allem sympathisch. So sympathisch, dass wir am Ende unsere Telefonnummern austauschten.

Einladung in den Playroom

Ein paar Tage später kam eine WhatsApp: Freitagabend. Unser Play Room. Lust? Natürlich sagte ich zu. Der Plan war denkbar einfach. Felix mochte es, wenn sein Master Alexander sich intensiv mit ihm beschäftigte und dabei noch ein zweiter Top im Spiel war. Eine Rolle, die ich übernehmen sollte. Wir vereinbarten ausdrücklich: Erst spielen, später quatschen. Ich wollte vorbereitet sein. Mein Freitag begann also mit meinen bewährten Ritualen. Ein langer Mittagsschlaf. Ein starker Espresso. Eine heiße Badewanne. Und, rein vorsorglich, eine kleine blaue Pille. Man wird schließlich nicht jünger, und wenn man schon eingeladen wird, möchte man auch liefern.

Rückblickend hätte ich mir den ganzen Aufwand sparen können.

Die ersten zwanzig Minuten liefen problemlos. Dann meldete sich mein Gehirn.

Oder genauer gesagt: mein Gehirn beschloss, einen Generalstreik gegen jede Form von Entspannung auszurufen. Jedes Mal, wenn mein Einsatz gefragt war, verschwand meine Erektion wie ein schlecht bezahlter Statist nach seinem einzigen Auftritt. Kaum war die Aufmerksamkeit wieder woanders, stand alles da wie eine Eins. Es war absurd. Und je mehr ich mich darüber ärgerte, desto schlimmer wurde es. Leistungsdruck. Stress. Die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen. Die Angst, zurückgewiesen zu werden. All die wunderbaren Dinge, gegen die selbst moderne Pharmazie erstaunlich machtlos ist. Schließlich platzte es aus mir heraus: „Jungs, mit mir wird das heute Abend nichts mehr.“

Person in schwarzer Latexkleidung und schwarzer Maske
Eine Person in schwarzer Latexkleidung und Maske – passend zum Erfahrungsbericht über Bondage, Vertrauen und das Loslassen von Leistungsdruck. | Foto: Sonny Ravesteijn / Unsplash

Das Gedankenkarussell dreht sich

Sofort unterbrachen die beiden ihr Spiel. Was los sei. Wie erklärt man etwas, das man selbst kaum versteht? Also versuchte ich es mit einem Bild. In meinem Kopf, sagte ich, rasen gerade fünf ICE gleichzeitig durch denselben Bahnhof. Einer transportiert die Steuererklärung. Im nächsten sitzen sämtliche unerledigten Aufgaben der vergangenen Woche. Dahinter kommen die Termine der kommenden Woche. Und ganz hinten rumpelt noch ein Güterzug voller Bügelwäsche vorbei, auf dem Muttern das Lasso schwingt.

Normalerweise spiele ich nüchtern. Immer. Aber in diesem Moment hätte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dieses verdammte Gedankenkarussell einfach abzuschalten. Was dann passierte, überraschte mich vollkommen.

Neustart

Die beiden wollten nicht, dass ich gehe. Ganz im Gegenteil. Felix grinste Alexander an. Alexander grinste zurück. „Wäre doch gelacht“, sagte er, „wenn wir dir nicht helfen könnten, runterzukommen.“ Weniger später stand Alexander hinter mir und flüsterte mir ins Ohr: „Du musst jetzt sehr tapfer sein.“ Bevor ich fragen konnte, was das bedeuten sollte, hatten die beiden bereits begonnen. Schwarze, glänzende Folie. Eine Latexmaske. Ruhige Stimmen. Geschickte Hände. Und plötzlich fand ich mich in einer Situation wieder, die definitiv nicht auf meiner Bingo-Karte für diesen Freitag gestanden hatte. Und eine halbe Stunde später war ich ein 1,85 Meter großes Paket: Bewegungslos. Sauber eingewickelt. Schwarz glänzend.

Die erste Herausforderung bestand nun darin, mich vom Stehen in die Horizontale zu bringen. Überraschenderweise funktionierte das deutlich besser als erwartet.

Die Panik bleibt aus

Eigentlich hätte jetzt Panik einsetzen müssen. Ich leide unter starken Ängsten in engen oder geschlossenen Räumen. Im Theater, Kino oder Konzert sitze ich grundsätzlich am Rand. Ich brauche das Gefühl, jederzeit gehen zu können. Immer einen Notausgang in Reichweite. Doch diesmal passierte etwas anderes. Je länger ich dort lag, desto ruhiger wurde ich: Die Wärme der Folie. Die Bewegungslosigkeit. All das wirkte wie ein Schalter. Zum ersten Mal seit langer Zeit wurde es still in meinem Kopf. Keine Steuererklärung. Keine Termin-Gedanken. Keine Bügelwäsche. Nicht einmal ein verspäteter Regionalexpress. Einfach nur Ruhe.

Irgendwann schnitten die beiden an den passenden Stellen Öffnungen in die Folie und begannen, sich mir zuzuwenden. Zunächst vorsichtig, dann zunehmend fordernder. Was mich dabei am meisten überraschte, war nicht die Situation selbst. Es war mein Körper. – Die Probleme, die mich eine Stunde zuvor fast in die Flucht geschlagen hätten, waren verschwunden. Einfach weg.

Die Entspannung, die Wärme und dieses unerwartete Gefühl von Sicherheit veränderten etwas Grundlegendes. In meinem Kopf machte es Klick. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass diese beiden Menschen gerade vollständig präsent waren. Dass sie sich kümmerten. Dass ich nichts leisten musste. Nichts beweisen. Nichts kontrollieren.

Ich konnte buchstäblich nichts tun.

Ich muss nicht alles im Griff haben

Und genau das war der Punkt. Während ich sonst ständig versuche, alles im Griff zu behalten, war ich hier zur absoluten Passivität verdammt. Und das fühlte sich erstaunlicherweise großartig an. Rückblickend kann ich sagen: So sicher, entspannt und aufgehoben hatte ich mich seit Monaten nicht mehr gefühlt. Irgendwann meinte Alexander, es sei Zeit, mich wieder zu befreien. Aber ich war noch nicht bereit: „Bitte nicht. Noch fünf Minuten.“ Die beiden lachten. Behutsam wurde ich wieder ausgewickelt. Wieder Herr über meine Arme, Beine und Entscheidungen. Und irgendwann gegen zwei Uhr nachts schwebte ich förmlich nach Hause.

Kontrolle abgeben, Leistungsdruck verschwindet

Was war passiert? Die einfache Antwort lautet: deutlich weniger, als man beim Lesen vielleicht vermuten würde. Die wichtigere Antwort lautet: mehr, als ich erwartet hätte. An diesem Abend habe ich gelernt, dass Ehrlichkeit manchmal die erotischste Eigenschaft im Raum sein kann. In dem Moment, in dem ich aufhörte, eine Rolle zu spielen und offen eingestand, was wirklich in mir vorging, entstand etwas, das weit interessanter war als jede perfekt inszenierte Leistungsschau. Ich fühlte eine Verbindung, Vertrauen. Ich habe gemerkt, dass Loslassen manchmal genau dann gelingt, wenn man aufhört zu denken: Ich muss jetzt loslassen! Manchmal braucht es dafür offenbar nur zwei geile Kerle und eine Rolle schwarze Folie und den Mut zu sagen: „Ich glaube, ich komme gerade nicht klar.“

*Namen von der Redaktion geändert

Links:

Rollenverteilung/dom/sub: https://de.wikipedia.org/wiki/BDSM-Rollen

Erst spielen: https://www.deviance.com/ich-will-doch-nur-spielen/

Kleine blaue Pille: Verlinken mit Artikel von Hannes im Blog: https://www.iwwit.de/schwuler_sex/viagra-potenzmittel-lust/

Verschwand meine Erektion: https://www.iwwit.de/schwuler_sex/viagra-potenzmittel-lust/

Leistungsdruck. Stress. Die Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen:

https://www.aok.de/pk/magazin/wohlbefinden/stress/stressbewaeltigung-tipps-fuer-akuten-und-chronischen-stress

Spiel: https://www.deviance.com/ich-will-doch-nur-spielen/

Normalerweise spiele ich nüchtern. Immer.: https://www.deviance.com/ich-will-doch-nur-spielen/

Schwarze, glänzende Folie: https://bdsm-leben.de/live-and-love/kinks/folien-bondage/

Latexmaske: https://sadomaso.com/lexicon/latex-maske

starken Ängsten in engen oder geschlossenen Räumen: https://www.deine-gesundheitswelt.de/balance-ernaehrung/klaustrophobie

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