Kategorie: Aktuell

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  • Cruising: Eine queere Utopie

    Cruising: Eine queere Utopie

    Einmal, als Orlando und ich uns auf einem Pflaumenstrauch fläzten, fiel sein Sombrero herunter. Ich schnappte mir den Hut, rannte davon und versteckte mich hinter einer Pflanze, an einem abgeschiedenen Ort. Er verstand genau, was ich wollte; wir zogen unsere Hosen herunter und begannen zu masturbieren.

    (Reinaldo Arenas: Bevor es Nacht wird)

    Mehrere farbig verfremdete nackte Männerkörper in Pop-Art-Ästhetik – symbolisch für queeres Cruising, Begehren und Körperfreiheit im öffentlichen Raum.
    Cruising als queerer Sehnsuchtsort – zwischen Natur, Lust und Blicken entsteht eine Utopie jenseits der Norm.

    Nackt im Wald – und nicht allein

    Der Pfad im Grunewald ist ein verschlungenes Labyrinth, wie von Menschenhand angelegt. Oder wohl eher: von Menschenfuß. Lediglich meine Schritte sind zu hören, ab und zu ein Vogelruf. Die Temperatur ist angenehm an diesem Nachmittag im späten Mai. Außer meinen Sneakers bin ich nackt. Ich erhasche den Blick von einem Mann, der ebenfalls nackt ist, an einen Baum gelehnt. Vor ihm kniet ein anderer Mann und bläst seinen Schwanz. Der Mann schaut mich ungerührt an, doch ich senke meinen Blick. Jede Faser in meinem Körper zieht mich zum Ort des Geschehens, doch ein weiterer Impuls in mir ist stärker und ich gehe weiter.

    Vom Schreiben zum Selbstversuch

    Als ich angefragt werde, einen Text über Cruising-Orte zu schreiben, ist mein erster Gedanke: Ich habe gar nicht viel Erfahrung mit Cruising. Also mache ich mich auf eine Spurensuche, lese Texte, befrage Freunde, krame in meiner Erinnerung und mache einen Selbstversuch im Grunewald.

    Ich erinnere mich an den letzten Sommer, als ich am Schwulen-Strand in Sitges zusammen mit meinem Partner zu den etwas abgelegenen Höhlen ging. Ich erinnere mich, wie aufregend es war, mit ihm zusammen diesen Ort zu entdecken. Wie wir zuerst zu zweit rumgemacht haben, und später mit einer ganzen Gruppe von Jungs. Wie ich ganz in mir zu ruhen schien, meine Knie aufgerieben vom Sand, umspült von den regelmäßigen Wellen des Mittelmeers.

    Cruising, schreibt Henry Hagemann in seiner historischen Spurensuche Cruising-Orte, ist eine historisch gewachsene Praktik, bei der schwule Männer und queere Menschen im semi-öffentlichen Raum mithilfe von Codes und nonverbaler Kommunikation nach schneller Intimität suchen.

    Die Anonymität beim Cruising bietet einerseits Schutz vor strafrechtlicher und gesellschaftlicher Diskriminierung, andererseits ist die potentielle Gefahr, erwischt zu werden, mit Nervenkitzel und Spannung verbunden, was die sexuelle Begierde noch befeuert.

    Cruising: Zwischen Kunst und Blickkontakt

    Ich trete zurück auf die Lichtung im Grunewald, wo ein Freund von mir auf unsere Sachen aufpasst. “Und?” Ich schüttle den Kopf. Wir sprechen weiter über die “unvollkommene Kunst” des Cruisings, wie es der mexikanische Aktivist und Autor Leo Herrera nennt. “Tu so, als wärst du in einem Museum. Du bist entweder die Kunst oder der Betrachter”, schreibt Herrera in seinem (analog) Cruising Manual. Mein Freund beschreibt dies so:

    “Wenn du jemanden siehst, den du attraktiv findest, schaust du ihm in die Augen, wenn nicht, vermeidest du den Blickkontakt.” Ich erinnere mich an so viele Momente in meinem Leben, in denen ich meinen Blick abgewandt habe obwohl oder gerade weil ich jemanden attraktiv fand. Naiv frage ich, ob beim Cruising Lächeln erlaubt ist. “Das kannst du, wenn du niedlich sein willst – meistens greifst du dir aber einfach in den Schritt. Wenn dies beide machen, kommt ihr zur Sache.” Herrera schreibt von einem “smirk”, was sich vielleicht mit “vielsagendes Grinsen” übersetzen lässt. Den Blick halten, ein vielsagendes Grinsen, sich an den Schwanz fassen… Ich fühle mich komplett ungeübt in dieser kodierten Sprache, die vielmehr ein kodiertes Schweigen ist, das laut Herrera “sowohl der Sicherheit als auch der Fantasie” dienen soll.

    Gerade diese Fantasien sind es, die die von mir befragten Cruiser in den Vordergrund stellen: “Ich habe eine bestimmte Fantasie und begebe mich auf die Jagd nach jemandem, der diese Rolle spielen kann.” Ein weiterer Freund, den ich auf der FKK-Wiese in der Hasenheide treffe, erzählt:

    Cruising – breiter als gedacht

    Ich lese, dass Charles Baudelaire und Oscar Wilde als prominente erste Cruiser gelten könnten. Das Flanieren wohlsituierter Männer war kein ungewöhnliches Bild im viktorianischen England. Ich erinnere mich, wie ich mit 19 Jahren beim Flanieren auf Manhattans Straßen von einem Mann angesprochen wurde und dann mit ihm nach Hause ging. Das Gleiche passierte mir mit 34 nochmals, als ich das erste Mal in Madrid war. Vielleicht waren das Cruising-Erfahrungen ohne dass ich sie als solche benannt hätte. Vielleicht war meine bisherige Definition von Cruising als anonymer Sex in Parks und “Klappen” etwas zu eng gefasst.

    Schild mit der Aufschrift „WC“ vor grünem Hintergrund – Hinweis auf eine öffentliche Toilette als Cruising-Ort.
    Öffentliche Toiletten, sogenannte Klappen, gelten als klassische Orte des anonymen Cruisings.

    Klappen, also öffentliche Toiletten, sind prädestiniert für Cruising: Am Urinal wird der Schwanz eines potentiellen Sexpartners in Augenschein genommen. Die meisten Freunde, mit denen ich über Cruising spreche, sind keine Fans von Klappen-Sex – es sei eine weniger persönliche Begegnung als in der freien Natur. Doch Klappen und Autobahnraststätten bieten eine höhere Anonymität für ungeoutete oder nicht schwul lebende Cruiser – im Gegensatz etwa zu schwulen Bars, Kneipen und Saunas, deren oft labyrinthische Ausgestaltung wohlgemerkt an die verschlungenen Wege in Parkanlagen und Wäldern erinnert.

    Cruising – Instinkt oder Zufall?

    Mir wird bewusst, dass ich mich mein Leben lang immer wieder an Cruising-Orten wiedergefunden habe. Geschah dies eher zufällig? Oder aufgrund eines angeborenen “schwulen Instinkts”? Ich mochte es schon immer, nackt auf der Werdinsel in Zürich oder in der Hasenheide in Berlin zu liegen, meistens in ein Buch vertieft. Denke ich an Hundert Jahre Einsamkeit, denke ich gleichzeitig an den FKK-Strand am Müggelsee. Wie viele interessierte und interessante Männer sind da wohl an meinem nackten Hintern vorbeigegangen, während ich – scheinbar oder tatsächlich – nur Augen für Aureliano Buendía, den introvertierten Protagonisten des Romans, hatte?

    Die Verbundenheit zwischen Natur und schwulem Sex hat eine lange Tradition: Reinaldo Arenas – kubanischer Schriftsteller und Dissident – wusste bei seiner ersten sexuellen Erfahrung Anfang der 1950er Jahre instinktiv, dass das, was er mit seinem Cousin Orlando tun wollte, an einem abgeschiedenen Ort stattfinden musste. Cruising-Orte in der Natur sind meistens ein wenig schwerer zu erreichen – während die Familien mit Kindern, Autos und tausend Sachen sich am Strand neben dem Parkplatz tummeln, wandert der Cruiser weiter den Strand entlang, klettert womöglich über Felsen und kämpft sich durch Gebüsch, bis er zu einer Lagune gelangt mit Höhlen und glasklarem Wasser.

    Cruising-Orte als Schutzräume queerer Freiheit

    Durch die Praktik des Cruisings eignen sich die Cruiser weniger zugängliche Orte “in spiritueller Weise” an, wie es ein Freund nennt. So werden Cruising-Räume zu einer queeren Utopie: von der urteilenden Außenwelt abgeschiedene Orte, an dem wir unsere eigenen und fremde Körper – unsere Sexualität – ohne Scham genießen können. Oder, um den kubanoamerikanischen Theoretiker José Esteban Muñoz zu paraphrasieren: Cruising als die vorsichtige Suche nach neuen Formen des Begehrens und Lebens, nach einem besseren „Dort“ im Gegensatz zu einem genormten „Hier“.

    Dass diese utopischen Räume auch in der Realität Bestand haben können, ist von einem delikaten Gleichgewicht zwischen politischen Entscheidungsträgern und den Cruisenden selbst abhängig. In der Hasenheide zum Beispiel sind gerade große Areale abgesperrt, weil neue Bäume und neues Gras gepflanzt werden. Ausgerechnet die FKK-Wiese ist jedoch nicht abgesperrt. Scheinbar ist die politische Obrigkeit hier darum besorgt, diesen Raum zu erhalten.

    Vom Schutzraum zum Ziel von Repression

    Doch das ist nicht immer der Fall: Oft werden Cruising-Gebiete bewusst zerstört, indem etwa Büsche beschnitten werden, untermalt von sexfeindlichen und homophoben öffentlichen Diskursen. Auch wurden – und werden in vielen Teilen der Welt immer noch – Cruising-Räume gezielt von Undercover-Polizisten genutzt, um homosexuelle Handlungen zu kriminalisieren. Ein schönes Gegenbeispiel ist das offiziell ausgeschilderte Cruising-Gebiet in Amsterdam. Hier sorgen die Cruisenden im Gegenzug dafür, dass sich das Cruising auf diesen spezifischen Raum beschränkt und nicht außer Kontrolle gerät.

    Ich erinnere mich, wie ich vor zwei Jahren im spanischen Tarragona an einem einsamen Strand einen Mann traf – mit dem ich zuvor auf Grindr getextet habe. Schon immer fiel es mir leichter, mit Männern online in Kontakt zu treten, obwohl ich als Xennial sehr wohl noch eine Welt ohne Internet kannte. Meine ersten sexuellen Kontakte lernte ich meist beim Tanzen in Schwulenclubs kennen. Zwar sind auch das schwule Tanzlokal und die Dating-App Cruising-Räume. Der Freund in der Hasenheide hält jedoch nicht viel vom Online-Cruising: “Du kannst zwei Stunden auf Grindr verbringen, um – vielleicht – den perfekten Typen zu finden. Beim Cruising draußen habe ich aber oft eine höhere Erfolgsquote, und es macht definitiv mehr Spaß als endloses Chatten.”

    Ein Spaziergang in die eigene Sehnsucht

    Bei meinem Selbstversuch gehe ich ein zweites Mal durch die labyrinthischen Büsche im Grunewald. Inzwischen ist die Dämmerung angebrochen, die Luft ist kühler – und ich treffe auf niemanden mehr. Während ich meinen Schritten und den Vögeln zuhöre, frage ich mich, was mich davon abhält, mehr rauszugehen zum Cruisen, warum ich Sex fast ausschließlich auf Apps suche. Wahrscheinlich hat das auch mit einer gewissen Performance-Angst zu tun, verschärft durch die ganzen internalisierten Bilder von schwulen Pornos.

    Vieles, was ich bei meiner Recherche über Cruising erfahren habe, fasziniert mich: der Sex im Freien, die Offenheit gegenüber verschiedenen Körpern, das Verfolgen von Fantasien, das Überrascht-Werden im Moment, das Utopische dieser Orte, die historische und spirituelle Verbindung zu meinen queeren Vorfahren, Cruising als rebellischer Gegenentwurf zu homosexuellen Lebensentwürfen, die sich immer mehr der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft angleichen. Und vielleicht könnte diese Art von Cruising sogar gewisse Aspekte meiner – auch nach 30 Jahren noch schambehafteten – Sexualität heilen.

    Ich trete aus dem Wald hinaus auf die Lichtung und fasse den Entschluss, in Zukunft öfter herzukommen.

  • From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    From Protests to Profits: Is Pride Back at Square One?

    Illustration: Harjyot Khalsa, www.harjyotkhalsa.com

    As Pride celebrations grow and proliferate, they often become sites of controversy: What is being celebrated—the diversity of the community or just the visibility of a select few? Who gets to take part in this celebration, and who is left out or sidelined? From corporate sponsorships to grassroots protests, author Ahmed Awadalla examines the ever-evolving landscape of LGBTIQ+ Pride in Germany.

    Berlin stands apart. If you ask someone in the city about attending a Pride event, they’ll likely respond with another question: „Which one?“ This is the essence of Berlin—a metropolis that hosts a multitude of queer marches and initiatives, each with its own distinct priorities and vision of the LGBTIQ+ experience. In a city this vast, with its diverse communities and subcultures, there’s always a space where one can feel seen—or at least, it seems that way.

    Having lived in Berlin for years, I’ve witnessed the Pride landscape shift and evolve, with each event embodying a different interpretation of queerness. What first stood out to me during my early summers in the city was the name „Christopher Street Day“ (CSD)—a direct reference to the American Stonewall Riots. These riots erupted in response to persistent police harassment following a raid on a New York bar. Although a pivotal moment in queer history, the choice felt curious, if not a little dissonant, considering Germany’s deep history of advocacy for queer rights.

    Naturally, when I first arrived in Berlin, I was eager to join a queer march in the hope of finding community and connection. My first march wasn’t a typical Pride event but a protest organized by Nasser Al-Ahmad, a young Lebanese man who faced brutal violence from his family after coming out. The march began outside a mosque in Neukölln to challenge the role of religious institutions in promoting homophobia. Despite Nasser’s efforts to emphasize that homophobia wasn’t just “a Muslim problem,” media coverage framed the issue as a clash between queer and migrant communities, pitting them against each other.

    As I marched, I quickly noticed how out of place I felt in the predominantly white crowd. At one point, a woman asked me to move aside, assuming I wasn’t part of the protest, likely because of my appearance. This made me question my own belonging in a space that was supposed to be about solidarity and plurality. It highlighted the uncomfortable reality that even within queer spaces, not everyone feels welcomed or understood. Different people I spoke to had their own take on what Pride means to them. For some, it feels like home, while for others, it remains a space where their struggles are made invisible.

    Between Celebration and Commercialization

    The first German CSD took place in Berlin in 1979, inspired by American Pride events but soon adapted to local politics. What began as passionate protests for LGBTQ+ rights has, over time, turned into something much more mainstream and commercialized. Big companies and political parties now play a more significant role. This trend is part of a larger pattern called “rainbow capitalism,” where businesses use LGBTQ+ symbols and slogans for profit, while urgent issues facing the community, especially those on its margins, are pushed aside.

    “Honestly, I couldn’t stand it,” said Mahdi, a community member who left CSD Berlin this year after just 10 minutes. “Pharma companies, banks, and internet giants—what do they have to do with our struggle?” Mahdi’s frustration is palpable. For him, the sight of straight people occupying corporate floats felt like another layer of erasure. “I get that allies are important, but they need to be mindful of the space they take up,” Mahdi added, reflecting a common sentiment among those who feel mainstream Pride has lost its way.

    But not everyone shares this sense of alienation. “For me, my reasons for going to CSD are two-fold,” said Cameron, a regular CSD attendee. “The principles of Pride are still very worthy. It’s a day where we can celebrate our LGBTQ+ identities and reflect on how we’re not just tolerated but accepted and even celebrated by wider society.” Cameron acknowledges the criticisms about corporate influence but admits that, for him, it doesn’t overshadow the event’s value. “Yes, the parade has been hijacked by corporate interests, but the party atmosphere—dancing in the rain to Spice Girls with queer folks from all over the world—is still magical. It’s just fun!”

    Cameron recognizes his own privilege within these spaces. “I haven’t felt excluded because I fit the classic stereotype of a white gay male. I can see why others might feel less represented,” he admitted. Hassan, a gay man of color, shares Cameron’s sentiment: “My birthday aligns with CSD Berlin, so my friends visit me from other cities, and we get to experience this collective joy, dressing however we want. It’s a time to truly celebrate together.”

    Tensions Under the Rainbow

    While some are disillusioned by Pride’s shift away from its radical roots, others appreciate it as a space for self-acceptance. But this raises a fundamental question: Should Pride be about identity or action? Is it enough to reclaim our identities as a response to the shame society imposes, or should Pride be about taking meaningful steps toward change? And if so, what kind of action?

    These debates aren’t new. In the 1990s, the group Gay Shame emerged in the U.S. to challenge the focus on identity and visibility over activism. They argued that simply transforming shame into pride wasn’t enough without confronting systemic oppression through tangible actions like supporting trans rights and fighting against economic inequality. Their stance echoed the message: “None of us is free until all of us are free.”

    In Berlin, I found a similar spirit at Alternative CSD (Kreuzberg Pride), which rejected corporate sponsorship and focused on grassroots activism, taking on issues like poverty and gentrification. But internal conflicts eventually led to its end, showing that even in activist spaces, disagreements can break down solidarity. After a hiatus, Internationalist Queer Pride emerged in 2021 with a bold political stance that demands revolutionary action to dismantle all forms of oppression. They advocate for environmental justice, decriminalizing sex work, supporting Indigenous and migrant rights, and abolishing border regimes

    “It’s empowering to see so many diverse groups coming together for a bigger cause,” says Andreas, a cis white queer man who attended this year’s Internationalist Queer Pride (IQP). However, he adds, “This year’s event was traumatic for many participants due to the police’s excessive use of violence.” For Andreas, this repression is reminiscent of the early days of queer activism, like the Stonewall riots, when police were viewed as a threat, not allies. This controversy around the police’s role is also present on a global scale. For example, Pride Toronto banned police participation following concerns about police brutality and racial profiling raised by the Black Lives Matter movement.

    Dozens of arrests were reported during Internationalist Queer Pride (IQP) this year, directly linked to one of the most contentious issues in Germany: the ongoing atrocities in Palestine. Demonstrations in solidarity with Palestinian communities have frequently faced severe police crackdowns, viewed as an unprecedented restriction of free speech. Germany’s stance is often framed through the concept of Staatsräson, which reflects the country’s commitment to protecting Israel’s security due to historical responsibility for the Holocaust. Critics argue that this has translated into unconditional support for Israeli violations of international law.

    The Dyke* March and The Persistence of Patriarchy

    The Dyke* March, which began in the 1990s to promote lesbian visibility, has since expanded to include women, trans, and non-binary individuals. Cisgender men are asked not to participate, creating a space where these voices and experiences are centered without being overshadowed. Like Kreuzberg Pride, the Dyke* March remains focused on activism and intersectionality, resisting the trend towards commercialization. However, police violence was also reported at this year’s Dyke* March, on the backdrop of Palestinian solidarity.

    Two people I talked to have been regularly attending the Dyke* March. Sarah thinks that patriarchy is still a problem within the queer community and that it manifests in how many queer spaces cater primarily to the male experience. “Yes, there are more FLINTA* spaces and events now, but it’s still not enough,” she said. “We need to keep pushing for real change, not just more visibility.” Mar, who identifies as non-binary, also finds it important to attend: “I can be read as a cis male because of my appearance, but I think building a shared understanding shouldn’t be based solely on appearance. The experiences of not feeling safe in our bodies and in public spaces are significant things we should come together based on.”

    Right-Wing Return and the Full Circle

    While the tensions between police and demonstrators in Berlin may seem like a historical throwback to the early days of activism, another issue warrants serious attention. In 2024, right-wing groups in Germany have increasingly targeted Pride events, particularly in East Germany. These anti-CSD marches are part of a broader trend of rising nationalism and xenophobia in the country. Although images of neo-Nazis in places like Bautzen have generated significant concern on social media, a persistent narrative in German politics portrays homophobia, transphobia, and anti-Semitism as problems imported from elsewhere. This downplays the actual threat posed by right-wing groups that have demonstrated their presence both on the streets and within the German parliament.

    There is no better lesson than the one we are learning now: we must understand issues of xenophobia and injustices related to gender and sexuality as inseparable. With the current existential threats, Pride seems to have come full circle, and we must confront the question of what it means to gather collectively and for what purpose.

  • Homonationalismus

    Homonationalismus

    Warum queere Personen rechtsextreme Parteien wählen

    Von Ernst Röhm bis Peter Thiel: Auch wenn der Großteil queerer Menschen nicht rechtsextrem wählt, finden sich doch immer wieder Gegenbeispiele. Warum? Was bringt queere Menschen dazu, rechtsextreme Parteien zu wählen oder sich diesen sogar anzuschließen? Unser Autor Mathias Foit hat seine Doktorarbeit über dieses Thema geschrieben und gibt hier Antworten.

    Queerer Rechtsruck? In den letzten 10-15 Jahren haben Rechtspopulismus und Rechtsextremismus weltweit ein besonders starkes Wiederaufleben erlebt und etliche Teile der Gesellschaft durchdrungen. Immer wieder mal berichten die Medien in scheinbarer Fassungslosigkeit, dass sich LGBTQIA+ Personen – in der Theorie die weltoffenste, toleranteste gesellschaftliche Gruppe – rechtsextremen, nationalistischen Parteien zuwenden, sei es dem Rassemblement National in Frankreich oder den Republikaner*innen unter Trump. Jene Parteien sind entweder unverhohlen queerfeindlich oder erklären – mehr oder minder offiziell – ihre Absicht, die Rechte verschiedener queerer Gruppen zu beschneiden.

    So überraschend und widersprüchlich dieses Phänomen auch sein mag, es ist in der modernen Geschichte nicht neu. Im folgenden Beitrag werden sowohl historische als auch aktuelle Beispiele aus einigen Ländern – insbesondere Deutschland, aber auch den USA, Frankreich und Polen – für die Verflechtung von queerem Begehren sowie queerer Politik einerseits und Nationalismus sowie Rechtsextremismus andererseits angeführt. Dabei wird nicht nur der Frage nachgegangen, aus welchen Gründen queere Menschen ihre Stimme rechtsextremen Parteien geben, sondern auch, welche Konsequenzen dies für die heutige Politik hat und welche Lehren daraus gezogen werden können.

    „Die warme Bruderschaft im Braunen Hause“: Der Zirkel um Ernst Röhm

    Bereits in den frühen 1930ern, noch vor der Machtergreifung, wurde Ernst Röhm, Führer der Sturmabteilung (SA) und eine der wichtigsten Figuren der NSDAP, „Held“ einer breit angelegten Hetzkampagne: Er wurde als Homosexueller geoutet. Gerüchte über seine sexuellen „Exzesse“ hatten schon Jahre davor zirkuliert, außerdem war er Mitglied des Bundes für Menschenrecht (BfM), des größten nationalen Dachverbands der sogenannten „Freundschaftsvereine“ in der Weimarer Republik.

    Bild von Ernst Röhm in SA-Uniform mit Hakenkreuzbinde um den Arm. Ernst Röhm – Foto: Bundesarchiv, Bild 102-15282A / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons

    Als Homosexuelle waren auch andere SA-Funktionäre bekannt, wie der Oberpräsident und Gauleiter der Provinz Niederschlesien, Helmuth Brückner, sowie sein Stellvertreter und der Polizeipräsident von Breslau, Edmund Heines, von dessen „nächtlichen Orgien“ und „wüsten Gelagen mit jungen Männern“ der Schriftsteller Walter Tausk in seinem Tagebuch berichtete. Vor allem die sozialdemokratische Presse spottete über den Zwiespalt zwischen der offiziellen Parteilinie der NSDAP zu Homosexualität und der offenbaren Toleranz gegenüber Homosexuellen in den eigenen Reihen. Die Münchener Post sprach von einer „warmen Bruderschaft im Braunen Hause“.

    Hitler wusste über die Homosexualität Röhms und dessen vieler Anhänger. Warum er sie so lange tolerierte, wie er dies mit der offiziellen Position der Nazi-Partei zur „widernatürlichen Unzucht“ vereinbarte sowie was der Hauptgrund für die Ende Juni, Anfang Juli 1934 von Hitler veranlasste Ermordung zahlreicher Parteigenossen, die in die Geschichte als der „Röhm-Putsch“ eingegangen ist, bleibt Gegenstand historischer Debatte. Sowohl Röhm als auch Heines fielen der blutigen Säuberungsaktion zum Opfer.

    Dank zahlreichen Forschungen wissen wir heute, dass der mit solcher Vehemenz geführte anti-homosexuelle Kreuzzug kein nebensächliches Thema, sondern ein zentraler Bestandteil der konservativen Revolution der Nazis bildete. So ist es durchaus möglich, dass die Röhm-Morde tatsächlich in erster Linie der Zerschlagung einer als vermeintlich gefährlichen, zu Verschwörungen gegen den Staat tendierenden Clique von Homosexuellen dienten. Andererseits ist auch denkbar, dass Hitler – wie viele Historiker*innen meinen – auf diese Weise den in seinen Augen größten Konkurrenten und dessen Kreis aus dem Weg der Alleinherrschaft in der NSDAP räumen wollte.

    Die Wurzeln des queeren Rechtsextremismus

    Annäherungsversuche an die Nazis gab es auch von Seiten der damals aktiven „Homosexuellenbewegung“ in der Person des Vorsitzenden des bereits erwähnten Bundes für Menschenrecht, Friedrich Radszuweit. Im August 1931 schrieb er einen offenen – und letztlich unbeantworteten – Brief an Hitler persönlich, in dem er den NSDAP-Chef zur Revision seiner Position zu Homosexualität aufforderte. Bemängelt hat Radszuweit auch die Schmutzkampagne gegen Röhm, wobei sich seine Kritik im Kern mehr gegen die Instrumentalisierung der Homosexualität als politische Waffe richtete, als dass er den SA-Führer in Schutz nehmen wollte.

    Inwieweit Radszuweits Anbiederung an die Nazis von seinem vermeintlichen Wertewandel beziehungsweise Opportunismus zeugt oder als verzweifelter Versuch, mit dem Teufel zu verhandeln, zu werten ist, wird bis heute kontrovers diskutiert. Fakt ist, dass sich bereits Ende der 1920er Jahre circa 30% der BfM-Mitgliedschaft als Anhänger*innen der Nazipartei erklärt hatten. Ob Radszuweit es wollte oder nicht, die wachsende Unterstützung für die NSDAP, auch in den eigenen Reihen des BfM, war nicht zu übersehen.

    Generell waren Konservatismus, Nationalismus, Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in der Geschichte der ersten deutschen „Homosexuellenbewegung“ keineswegs Randerscheinungen. Magnus Hirschfeld, der gemeinhin als geistiger Vater und inoffizieller Anführer der Bewegung gefeiert wird, gehörte zu den lautstärksten Verfechtern des Ersten Weltkriegs und veröffentlichte zwei Schriften (eine davon mit dem bezeichnenden Titel „Warum hassen uns die Völker?“), die den deutschen Imperialismus verteidigten. Erst in den späteren Kriegsjahren wandte er sich dem Pazifismus und Internationalismus zu. Adolf Brand, Vorsitzender der Gemeinschaft der Eigenen (GdE), die die Männer- und „Knabenliebe“ feierte, und informeller Sprecher des Kreises der sogenannten „Maskulinisten“, war ein eingefleischter Antifeminist, Antisemit sowie ein unerbittlicher Kritiker der Weimarer Republik und Befürworter einer antidemokratischen, erzkonservativen Politik.

    Das seltsame Paradox: Rechte und Homonationalismus

    Die heutige Verflechtung zwischen LGBTQIA+ und Nationalismus wird oft als „Homonationalismus“ bezeichnet. Dabei geht es um die Instrumentalisierung von Homosexualität für nationalistische, rassistische Zwecke und um das Ausspielen von queeren Gruppen (meistens cis-männlichen, weißen Schwulen) gegen die „Anderen“. So versuchen zum Beispiel rechte Politiker*innen, die Angst der Ersteren vor den Letzteren zu schüren und damit Wähler*innenstimmen zu gewinnen, indem sie insbesondere auf das Fremdbild des fundamentalistischen, homophoben, meist muslimischen Einwanderers zurückgreifen.

    Das führt zu einem noch größeren Spagat als bei den Nazis: Heutige Rechtsextreme stellen sich manchmal als vermeintliche Beschützer*innen einer gesellschaftlichen Gruppe dar, die andere Rechtsextreme wiederum im Gefängnis sehen wollen und wiederum andere für die angebliche Sexualisierung von Kindern verantwortlich machen.

    Homonationalismus „Around the World“

    Beispiele für Homonationalismus gibt es auf der ganzen Welt. 2016 entstand in den USA die islamfeindliche, „White Supremacy“ predigende und transphobe Vereinigung „Gays for Trump“. Bereits 2005 hat der Historiker Paul Robinson in seinem Buch Queer Wars beschrieben, wie der Konservatismus seit Beginn der „Gay Liberation“-Bewegung die LGBTQ+ Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten spaltet. Auch in Frankreich und den Niederlanden gewinnen die Rechtsextremen unter vielen LGBTQIA+ Personen an Unterstützung. Schon in der Präsidentschaftswahl 2017 war Marine Le Pen vor allem für weiße, cis-männliche Homosexuelle eine zumutbare politische Alternative.

    Interessanterweise muss der Rückgriff auf Patriotismus oder Nationalismus durch queere Menschen nicht unbedingt islamophob oder rassistisch motiviert sein. In Polen zum Beispiel hat die Kontroverse um die Darstellung des Staatswappens und der Nationalflagge vor einem Regenbogenhintergrund auf einigen CSDs im Jahr 2018 eine Debatte auch innerhalb der dortigen LGBTQIA+ Gemeinschaft ausgelöst. Viele sahen darin eine wirksame politische Strategie zur Anerkennung der Zugehörigkeit zur nationalen Gemeinschaft. Andere grenzten sich aufgrund der institutionellen Queerphobie der damaligen Regierung stark vom Nationalstolz ab.

    Die wichtigste Frage: warum?

    Die Gründe für den scheinbaren Widerspruch zwischen emanzipatorischen Bestrebungen und rechtsextremer, nationalistischer und sehr konservativer Politik sind natürlich je nach Fall und Kontext unterschiedlich.

    Im Deutschen Kaiserreich beispielsweise war die gesamte deutsche Gesellschaft stark nationalistisch und konservativ geprägt, was mit der imperialen und militaristischen Grundausrichtung des Staates einherging, schließlich waren es auch die europäischen Nationalismen, die zum Ersten Weltkrieg führten.

    In der Weimarer Republik spielten zudem weit verbreitete nationale Ressentiments, die Demütigung des Verlorenen und die Sehnsucht nach der alten Ordnung eine Rolle. Hinzu kam, dass queere Menschen, denen immer wieder das Bürgerrecht abgesprochen und verräterische Tendenzen unterstellt wurden, um ihre Anerkennung als respektable, pflichtbewusste und loyale Staatsbürger*innen kämpften. Eine ähnliche Motivation – wenn auch in einem ganz anderen, weitgehend einfacheren soziopolitischen und rechtlichen Kontext – treibt viele LGBTQIA+ im heutigen Polen an.

    Bezeichnenderweise sind es vorwiegend cisgeschlechtliche Männer, die nach wie vor die politische Avantgarde des Rechtsextremismus, Rechtspopulismus und Nationalismus bilden. Wundern dürfte es kaum, schließlich wird ihnen seit jeher Männlichkeit und die damit assoziierten Eigenschaften wie Stärke, Entschlossenheit und Tüchtigkeit abgesprochen. Sich als Patriot oder gar Nationalist zu bekennen, bedeutet häufig, sich als „richtiger“ Mann zu behaupten.

    Wie gezeigt wurde, ist ein gemeinsamer Nenner der verschiedenen Formen und nationalen Variationen des heutigen Homonationalismus häufig die Islamophobie. Rechtsextreme Parteien nutzen die Ängste einiger LGBTQIA+ Personen zynisch aus, um damit Stimmen zu gewinnen und gegen die Zuwanderung von Menschen – darunter auch queeren, die in Deutschland Zuflucht finden könnten – aus muslimisch geprägten Ländern zu plädieren.

    Und was nun? Konsequenzen für die Politik

    Der Homonationalismus verdeutlicht, dass die heutzutage – aus gutem Grund – hinterfragten gesellschaftlichen Konzepte wie Geschlecht oder Nation(alität) auch für viele LGBTQIA+ Menschen immer noch eine nicht zu unterschätzende Bedeutung haben. Das von Teilen der Gesellschaft erwünschte Loswerden dieser Kategorien wird damit zu einer größeren Herausforderung als gedacht und erfordert kreative Ansätze.

    Außerdem zeigt der Homonationalismus die Wichtigkeit der Einbindung von Antirassismus in queere, emanzipatorische Politik und Bildung. Auch in der LGBTQIA+ Gemeinschaft sind Stereotype und Vorurteile gegenüber „Fremden“ weit verbreitet. Geflüchtete, aber auch Queers of Colour sind von dem Rechtstruck der letzten Jahre besonders betroffen, weshalb gerade ihnen die Solidarität der gesamten Community gehört.

    Die Widersprüchlichkeit und der Zynismus rechtsextremer Parteien im Umgang mit Homosexualität und geschlechtlicher Vielfalt liegt auf der Hand. Was sich viele queere Menschen als eine Verbesserung erhoffen, kann nur wie vor fast einhundert Jahren enden – mit Enttäuschung und Elend.


    Mehr zum Thema gibt es auch im Artikel „Queere Nazis“ des Siegessäule-Magazins.

    Bibliographie

    • Bauer, Heike.The Hirschfeld Archives: Violence, Death, and Modern Queer Culture.” Philadelphia, Pennsylvania: Temple UP, 2017.
    • Bruns, Claudia. „Politik des Eros: Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880–1934).“ Köln: Böhlau Verlag, 2008.
    • Foit, Mathias. “Queer Urbanisms in Wilhelmine and Weimar Germany: Of Towns and Villages.” Cham, Schweiz: Palgrave Macmillan, 2023.
    • Marhoefer, Laurie. “Sex and the Weimar Republic: German Homosexual Emancipation and the Rise of the Nazis.” Toronto: University of Toronto Press, 2015.
    • Micheler, Stefan. “Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik.” Stefan Micheler Homepage. August 1, 2008. www.StefanMicheler.de/zvlggbm/stm_zvlggbm.pdf.
    • Vendrell, Javier Samper. “The Seduction of Youth: Print Culture and Homosexual Rights in the Weimar Republic.” Toronto: University of Toronto Press, 2020.
    • Wolfert, Raimund. “Auf den Spuren der ‘Invertierten’ im Breslau der zwanziger und dreißiger Jahre.Invertito– Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten 9 (2007): 93–135.
    • Zinn, Alexander. „Aus dem Volkskörper entfernt? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus.“ Frankfurt: Campus Verlag, 2018.