Mich gibt es seit 1968, geboren und aufgewachsen in einer Landeshauptstadt im Süden der Republik. Meine Kindheit war für die damaligen Verhältnisse normal. Queerness war kein Thema und „schwul“ war ein Schimpfwort, wobei eigentlich niemand so recht wusste, warum. Mit der beginnenden Pubertät, war bei mir schon früh erkennbar, zumindest für mich, dass sich meine sexuelle Identität nicht in einer geraden Bahn bewegt und das durchaus abseits der „normalen“ Handlungen wie Gruppenmasturbation im Skischullandheim. Hier nun der große Disclaimer für alles Weitere, was sich bei mir ereignen sollte …
Mein Geburtstag ist im August, ganz knapp nach dem sogenannten Stichtag, der für den Kindergarteneintritt und vor allem dem Schuleintritt festgesetzt wurde. Ich weiß nicht, ob es sowas heute noch gibt, aber damals wurde quasi festgelegt, dass ich immer ein Jahr älter war als meine Mitkinder bzw. Mitschüler*innen. Nach einer „Ehrenrunde“ in der 9. Klasse im Gymnasium – was zu diesem Zeitpunkt auf mind. 40 % meiner Mitschüler*innen zutraf und ziemlich normal war – wurde es noch krasser. Ich war also in den heißen Jahren meiner sexuellen Emanzipation, einer der ersten mit einem Mofa, einer „80er“, und schließlich einem Auto.
Neben diesen Assets war ich auch noch größer, breiter und stärker, was unweigerlich zu mehr Selbstbewusstsein führte. Wären wir in einer amerikanischen Highschool-Komödie gewesen, wäre ich immer bei den „angesagten“ Leuten gewesen. Mit anderen Worten, ich hatte einen großen, stabilen Freundeskreis und aufgrund meiner latenten Homosexualität auch einen großen Kreis an Freundinnen, wobei beides streng im platonischen Sinne zu verstehen ist.
Mein Elternhaus würde man heute wohl „supportive“ nennen, da mein gelegentliches Kokettieren mit Homosexualität und „schwulen“ Stereotypen meine Eltern in keinster Weise aus der Fassung brachte. Mein Vater war zwar sehr konservativ, dennoch kann ich mich an eine harsche Schelte erinnern, als ich mit vielleicht 11 Jahren mal wieder das Wort „schwul“ Synonym abfällig gebrauchte und er mir erklärte, dass ich das lassen solle, um Schwule nicht abzuwerten. Das waren zwar nicht seine Worte, aber sinngemäß seine Aussage. Erst viele Jahre später, als mein Vater bereits verstorben war, habe ich die Progressivität dieser Rüge verstanden und bin im Nachhinein beeindruckt. Mein Vater hatte privat und beruflich einige homosexuelle Bekannte, was für ihn nie ein Thema war. Dennoch weiß ich noch, wie es ihn beschäftigte, wer bei einem schwulen oder lesbischen Paar jetzt „die Frau“ und wer „der Mann“ sei. Es war eben eine andere Zeit. Als queer-aktivistisch geprägter junger Erwachsener wollte ich ihm einmal bei einem solchen Rätselraten die Welt erklären, da hat er mir leicht empört entgegnet, dass er durchaus Bescheid wisse, trotzdem spekulieren könne. Da er das nie öffentlich, sondern immer nur im kleinsten Kreis machte, kann ich das auch akzeptieren.
Meine Mutter hingegen beließ es beim nicht ganz ernstgemeinten Lamento über eventuell fehlende Enkelkinder. Sie hatte eine Anekdote, wonach ihr eine Mitschülerin im Mädcheninternat in der Schweiz Avancen gemacht habe, sie aber relativ schnell – wir wissen es bis heute nicht, auf welchem Weg – erkannte, dass sie durch und durch hetero sei.
Alles in Allem muss man auch konstatieren, dass ich ein typischer Vertreter der Generation X bin. Unsere Eltern hatten Wichtigeres zu tun, als um uns herumzutanzen. Es galt den erwirtschafteten Wohlstand zu sichern und da mussten die Kinder auch mal alleine zurechtkommen.
Nein, „supportive“ waren meine Eltern nicht. Aber es stand uns auch niemand bei der Entwicklung nennenswert im Weg und ein mildes Desinteresse ist auch fast eine Form der Akzeptanz. Wir wurden auch nicht groß aufgeklärt. Aber dafür bekamen wir genug Taschengeld, von dem wir die BRAVO kaufen und ohne Widerrede lesen durften.
Ich war nicht schwul. Dazu hatte ich zu viel Liebe und Spaß mit Mädchen. Ich hatte tolle sexuelle Erfahrungen mit Jungs und vielleicht hätte sich aus der einen oder anderen Geschichte auch mehr als Sex ergeben. Aber dazu war die Zeit noch nicht da. Nicht, weil es nicht möglich gewesen wäre. Aber die Heterokiste war die Norm und somit auch am unkompliziertesten verfügbar. Für anderes fehlte damit die Zeit.
Trotz aller Sexpositivität und alternativen Beziehungsformen, denen ich mittlerweile theoretisch wie auch praktisch zugeneigt bin, ist auch heute noch für die breite Masse, das Festhalten an der monogamen Beziehung immer noch die Norm. Und damals war ich ausgesprochen, zumindest „seriell“, monogam.
Mein „erstes Mal“ war großartig und spektakulär mit einer Frau, kurz vor ihrer Hochzeit. Mit 14 Jahren schnappte ich den Begriff „bisexuell“ auf. Ich weiß leider nicht mehr woher. Da hatte ich mein Label gefunden. Ich fand es damals und noch heute einfach klasse, mich selbstbewusst so zu bezeichnen. Deshalb kann ich seit sehr langer Zeit nachvollziehen, warum Label für viele Menschen eine Befreiung sein können, zusammen mit dem Wissen, dass man nicht allein auf der Welt ist. Mit anderen Worten, es lebe die Schublade! Vor allem weil man eine Schublade jederzeit öffnen und wieder verlassen kann, das nennt man dann Fluidität und ist aus meiner Sicht etwas Wunderbares.
Ansonsten spielte sich meine Jugend nicht explizit in der queeren Szene ab, von gelegentlichen Besuchen einschlägiger Lokale mit dem Freund*innenkreis und dem regelmäßigen Besuch der „Rocky Horror Picture Show“ mit Crossdressing. Wir waren auch durch die Bank weg Heavy-Metal-Fans und unsere Lieblingsecken dementsprechend nicht unbedingt kompatibel zu queeren Szenegängern.
Auch als Wehrpflichtiger beim Bund war ich eher offensiv, was meine sexuelle Orientierung anbelangte. Dies trug wahrscheinlich dazu bei, dass sich ein Kamerad als schwul outete. Natürlich gab es dort sehr konservative Menschen als Kameraden und Vorgesetzte. Aber ich kann mich im Nachhinein an keinen queerfeindlichen Vorfall erinnern, abgesehen von dummen Sprüchen aus Unkenntnis, denen aber meistens begegnet wurde.
1991 bin ich dann zum Studium nach Berlin und war quasi vom ersten Moment an in einer queeren Bubble. 1992 war mein erster CSD. Die Jahre waren der Höhepunkt der Aidskrise und somit auch bei meinen Freund*innen sehr präsent. Eine Freundin war Angestellte einer Schwerpunktapotheke im Motzstraßenkiez, wo sie auch wohnte. Wir gingen oft zu ihr und in die einschlägigen Lokalitäten.
Ich war nicht schwul, bezeichnete mich als bisexuell, wann immer es angebracht war. Sex in diesen Zeiten war schwierig, HIV belastete alles. Dennoch fühlte ich mich in dieser Hinsicht unter schwulen Männern sicherer als in der Heterogesellschaft, weil das Bewusstsein viel ausgeprägter war. Wenn man wöchentlich damit konfrontiert ist, wer positiv, wer im Endstadium von Aids und wer verstorben ist, dann ist man maximal sensibilisiert. Da ich damals noch weitgehend Monogamie als erstrebenswerte Norm annahm, hielt ich mich für sicherer als andere.
Natürlich kenne ich die Anfeindungen jener Zeit, die Bi+ Personen zu „Virenschleudern“ erklärten und sie bezichtigten, HIV in die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft zu tragen, nur zu gut. Aber ich habe nie darunter gelitten und dank meiner Erfahrungen und Beziehungen in die queere Community, konnte ich diesen Diskussionen immer gut informiert und selbstsicher begegnen.
Ich hatte einen Führerschein und ein Auto, schon damals in Berlin etwas Besonderes, was mich für gewisse Botengänge oder Ähnliches prädestinierte. Ich habe ab und an HIV-Patienten zum Arzt gefahren, Utensilien für eine Beerdigung transportiert oder bei Haushaltsaufzulösungen geholfen. Hier bekam ich auch die ersten Einblicke in die Abläufe queerer Organisationen, allen voran der Berliner Aids-Hilfe. Das waren eher unregelmäßige Freundschaftsdienste als echter Aktivismus.
Beim CSD war mir Sichtbarkeit immer besonders wichtig – auch ohne Fummel und Glitzer. Einmal war ich sogar im Fernsehen zu sehen, als ich bei einem Schwenk über die Demo, zufällig vor der Kamera stand. Ich war stolz wie Bolle. Leider war Fernsehen noch linear und ich konnte meinen Freund*innen und der Familie davon nur erzählen.
In meinen Beziehungen war meine Bisexualität immer bekannt. Glücklicherweise entwickelten sich daraus nie Dramen. Viele Beziehungen zwischen Bi+ Personen und hetero Personen scheitern auch heute noch an dem Stereotyp, wegen dem der Bi+ Person sexuelle Unersättlichkeit unterstellt, wenn nicht sogar vorgeworfen wird. Das war bei mir zum Glück nie der Fall.
Nach dem Abschluss meines Studiums 1998 zog ich aus beruflichen Gründen für gut zwei Jahre wieder nach Süddeutschland, diesmal wirklich in die Provinz. Auch dort kommunizierte ich meine Sexualität offensiv und selbstbewusst. Natürlich stellte ich mich nicht mit „Guten Tag, ich heiße Thilo und bin bisexuell.“ vor, aber ich nutzte jede günstige Gelegenheit. Meist war ich bei einer unqualifizierten Äußerung mit einem „Hör mal, das geht gar nicht!“ zur Stelle. Und wenn dann die Frage aufkam, woher ich das wüsste, war meine Antwort, „Weil es mich betrifft“ oder „Weil es um mich geht“. Ich kann mich an keine schlechte Reaktion auf so eine Ansage erinnern. Aber natürlich hatte ich auch hier sehr viel Glück. Ich war Familienangehöriger meines Arbeitgebers und wir hatten gesellschaftlich eine besondere Stellung im Dorf. Das kann ein Fluch oder ein Segen sein. Bei mir war es glücklicherweise ein Segen.
Das hat mich auch geprägt. Ich habe seither öfter den Job gewechselt und war überall vom ersten Moment an geoutet. Ich habe mein Engagement für die queere Community immer direkt im Bewerbungsgespräch erwähnt. Und eventuell war es ab und zu ein Grund, mich nicht zu nehmen, aber das ist aus meiner zugegeben privilegierten Sicht auch kein Nachteil. Wer will schon in einem biphoben Laden arbeiten?
2011 habe ich meine heutige Ehefrau kennengelernt. 2012 haben wir vom offenen bisexuellen Treffen im Sonntags-Club gehört. Im Januar 2013 haben wir zum ersten Mal an diesem Treffen teilgenommen und waren direkt mit einem Stand beim Motzstraßenfest, welches aus diesem Treffen heraus organisiert wurde. 2016 haben meine Frau und ich geheiratet. 2018 wurde BiBerlin e.V. aus dem Sonntags-Club-Treffen heraus gegründet. Und 2024 haben wir die erste geförderte Fachstelle Bi+ in Europa, in Trägerschaft von BiBerlin e.V. ins Leben gerufen.
Meine Geschichte ist eine besondere, weil ich in meiner persönlichen Entwicklung viele Freiheiten, viel Unterstützung und auch sehr viel Glück hatte. Vielleicht verkläre ich im persönlichen Rückblick einige Aspekte und manche Erinnerungen sind daher schöner als die damalige Realität. Glücklicherweise hatte ich die Stärke und das Selbstbewusstsein, mich durchsetzen zu können. Aber ohne eine Gemeinschaft, eine Community, ohne die Menschen, die mich begleitet haben, hätte es auch ganz anders kommen können. Ich bin Fußballfan und daher zählt für mich, dass keine*r größer ist als das Team oder der Verein. Aber jede*r muss einen Teil dazu beitragen, dass es so bleibt.