Liebesgrüße aus Russland – Schwules Leben in Russland zu Zeiten des „Homo-Propaganda“-Gesetzes im Roman

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Conflict in Eastern Europe
Wie Russland es sieht: Das Verbot der „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“ ist ein Gesetz „zum Schutze der Kinder. Damit sie sich kein schlechtes Beispiel nehmen, nicht auf die schiefe Bahn geraten, sich nicht einrichten in ihrem Elend.“

Mit seinem Roman „Wir Propagandisten“ gibt Gabriel Wolkenfeld einen sehr persönlichen Einblick in die russischen Lebensverhältnisse zu Zeiten des „Homo-Propaganda“-Gesetzes.

Kleine Kostprobe aus dem Roman: “Er seufzt weibisch. Fängt an zu schluchzen. Ich sage: Sei ruhig. Ich küsse ihn nicht auf den Nacken, streichle ihm nicht über die Wange. Ich drücke seinen Kopf gegen die kalte Fensterscheibe. Ich nehme den Ministerpräsidenten von hinten: Ich ficke Dmitri Anatoljewitsch Medwedew.”

Neugierig geworden nach dieser Passage? Wusste ich’s doch! Aber um die sich aufdrängende Frage gleich zu beantworten: Nein, Gabriel Wolkenfelds Debüt dreht sich nicht um heimliche Homosex-Skandale im Kreml. Bei dem besagten Medwedew handelt es sich auch nicht wirklich um den russischen Regierungschef, sondern nur um ein Look-A-like.

Es besteht allerdings kein Grund “Wir Propagandisten” deshalb gleich enttäuscht zur Seite zu legen. Mag das Buch auch kein Enthüllungsroman sein, so handelt es sich dennoch um eine intime Innenschau: nämlich in die russischen Lebensverhältnisse im Allgemeinen und die der Schwulen- und Studentenszene Jekaterinburgs im Besonderen.

Wolkenfelds Hauptfigur, ein junger deutscher Slawist, ist für ein Jahr  in die Millionenstadt am Uralgebirge gezogen, um an der dortigen Uni Deutsch zu unterrichten. Der 1985 in Berlin geborene Autor hat selbst längere Zeit in Russland gelebt, die Momentaufnahmen aus den Leben seines Ich-Erzählers (und Alter Ego?) dürften also mit vielen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen gespickt sein.

Cover-WirPropagandisten
Wolkenfelds Buch vermittelt Blitzlichter aus dem Alltag des Romanhelden.
Der Aufenthalt beginnt mit der Begrüßung durch einige der Männer, mit denen der deutsche Gast bereits vorab über schwule Netzwerke Bekanntschaft geschlossen hat. Es folgt ein geradezu kafkaesker Trip durch Gesundheitsstellen und Ämter, um die für die Aufenthaltserlaubnis notwendigen Bescheinigungen, Stempel und Unterschriften einzusammeln.

Geschlechtskrankheiten, Alkoholkonsum – über alles muss der Gastdozent Auskunft geben. Auch der Weg ins „Testzentrum für ausländischer Bürger“ bleibt ihm nicht erspart. Wolkenfeld schildert die Auffälligkeiten und Absurditäten der russischen Seele wie auch der Bürokratie mit bisweilen recht trockenem Humor. „Menschen mit HIV dürfen sich nicht länger als drei Monate am Stück in der Russischen Föderation aufhalten, ausgenommen natürlich, sie besitzen die russische Staatsbürgerschaft“, wird dem deutschen Gastlehrer der Grund für den Zwangstest erklärt. „Aber gesetzt den Fall, sie besitzen die russische Staatsbürgerschaft sollten sie besser alles daran setzen, schleunigst das Weite zu suchen“, interpretiert Wolkenfeld die Erläuterungen der Amtsärztin. „Für die Zukunft des russischen Volkes – wer würde das bestreiten? – stellen Menschen mit HIV ohne die russische Staatsbürgerschaft ein besonderes Sicherheitsrisiko dar, insbesondere dann, wenn sie vor einer Gruppe junger Erwachsener stehen und die Bildung irregulärer Verben erläutern.“

Wolkenfelds Buch trägt zwar die Genrebezeichnung Roman, eine sich klassisch entwickelnde Handlung mit Höhe- und Wendepunkten sollte man allerdings nicht erwarten. Stattdessen: Blitzlichter aus dem Alltag des Romanhelden, halbherzige Affären, Wodka-selige Partys in der kleinen Studentenwohnung sowie frustrierende Lehrstunden mit den Studierenden, die von der lockere Unterrichtsgestaltung des Deutschen völlig überfordert sind. Zu vorgerückter Stunde erkundet Wolkenfelds Ich-Erzähler mit seinen Freunden die Szene. „Themenclubs“ werden solche Lokalitäten und Bars verschwiemelt bezeichnet, in denen sich abends jene Schwule treffen, “die es tagsüber kaum wagen, dem Jungen in der Straßenbahn zu lange auf die Oberschenkel zu starren. Und Mädchen, die von der Angebeteten im Supermarkt den Blick abwenden, bevor ihnen das Herz aus der Brust springt”.

Und während sich das Jahr dem Ende zuneigt, Freundschaften enger und Amouren intensiviert worden sind, wird aus einem Gerücht politische Wahrheit. „Die werden ein Gesetz verabschieden, das Homosexualität wieder unter Strafe stellt“, hatte das Medwedew-Double Mitja prophezeit, der deutsche Gast aber fand derlei Befürchtungen absurd. „Das geht nicht. Das lassen die in Europa nicht zu.“ Einer der russischen Freunde droht: „Wenn dieses Gesetz verabschiedet wird, bin ich weg. Ich lasse mich nicht entrechten“. Man sollte jetzt etwas unternehmen, „solange uns das Wort noch nicht verboten ist.“ Doch für einen schwulen Volksaufstand fehlen der Mut, die Massen und vor allem auch realistische Chance auf einen Erfolg. Stattdessen eruiert man Möglichkeiten und Wege für ein freies Leben im Ausland

Am 11. Juni 2013, am Vorabend des russischen Nationalfeiertages, verabschiedet die Duma in zweiter und dritter Lesung schließlich ein föderales Verbot der „Propaganda von nicht-traditionellen sexuellen Beziehungen gegenüber Minderjährigen“. Auf allen Fernsehkanälen, so erlebt es Wolkenfelds Ich-Erzähler, wird rund um die Uhr Propaganda für das Anti-Propaganda-Gesetz gesendet. Ein Gesetz „zum Schutze der Kinder. Damit sie sich kein schlechtes Beispiel nehmen, nicht auf die schiefe Bahn geraten, sich nicht einrichten in ihrem Elend.“ Für die Homosexuellen in Russland, das klammert Wolkenfeld nicht aus, beginnt das Elend – offener Hass und Gewalt – jetzt erst richtig.

 

Gabriel Wolkenfeld „Wir Propagandisten“. Roman. Männerschwarm Verlag, 232 Seiten, 19 Euro

 

 

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