Ausgrenzerfahrungen

von Kriss Rudolph

Es ist einer dieser guten Montage. Du warst am Wochenende mit Freunden essen, hast dich gut unterhalten, viel geschlafen – und fast würdest du sogar behaupten, du bist gerne früh aufgestanden, um zur Arbeit zu gehen. Beziehungsweise zum Training. Frühmorgens ist es angenehm leer im Gym. Doch am Butterfly trainiert ein Muskelmann, wie er im Buche steht. Du wartest und beobachtest ihn. Der Schweiß steht ihm auf den Oberarmen, die massig sind wie deine Schenkel. Jede Bewegung wird im Spiegel betrachtet.
 

Da weißt du direkt Bescheid: Der ist nicht nur in sich selbst verliebt, sondern wahrscheinlich sogar mit sich selbst verheiratet, weil er sich so endgeil findet.

Merkwürdig, dass er keinen Ring trägt. Jedenfalls nicht am Finger. Wie lange er noch braucht, fragst du schließlich. Natürlich hört er nichts, weil sein iPhone so laut Lady Gaga dudelt. Oder Helene Fischer. Als er eine kurze Pause macht, um die Musik zu wechseln, steckst du unbemerkt den Pinöpel von 65 auf 90 kg und hörst im Weggehen, wie er aufjault und die Gewichte mit einem lauten Rumms herunterkrachen. Strafe muss sein. Kann er nicht einfach abends trainieren? Kaum vorstellbar, dass er da zu Hause sitzt und ein Buch liest.

Nach dem Sport zur U-Bahn. Der Zug kommt in drei Minuten. Du holst die Zeitung hervor. Ein paar Meter weiter steht ein Typ mit Piercings im Gesicht und sieht dich mit kleinen geröteten Augen an. Gähnend fährt er sich durch die Haare. Dabei siehst du den verwischten Stempel auf seinem Handrücken. Du ignorierst ihn, liest einen Bericht über Homophobie in Bosnien-Herzegowina und bist froh, unbehelligt in Deutschland zu leben.

Zwischendurch siehst du auf und stellst fest, er lächelt dir zu. Du schaust woanders hin. Der kommt wahrscheinlich direkt aus einem Fickclub, wo er stundenlang im Sling geschaukelt ist, weil er den Hals nicht vollgekriegt hat, und jetzt glaubt er, hier noch einen heißen Flirt mit dir hinlegen zu können. Soll nur nicht glauben, dich so leicht haben zu können. Oder überhaupt haben zu können. Bei dem holt man sich sicher sonst was.

Auf dem Weg zur Arbeit noch schnell beim Bäcker rein, ein Brötchen holen. Vor dir ein Typ wie aus dem Ei gepellt. Sein Schal ist so lang, dass er bequem bis zur polnischen Grenze reicht. Seine Stimme klingt wie Daisy Duck, und du weißt direkt Bescheid: Einer, der sich zum Pinkeln hinsetzt und sich wahrscheinlich zweimal am Tag die Eier rasiert. Und nach dem Orgasmus wird direkt abgewischt und geduscht. Als er sich nach dem Bezahlen abwendet, rollt die Verkäuferin mit den Augen. Du grinst.

Kurz nach zehn stellt sich ein Praktikumsanwärter vor. 21 – süß! Warst du auch mal, in einem früheren Leben. Aber da hattest du keine blondierten Haarspitzen, und du wärst auch nicht auf die Idee gekommen, in einem ärmellosen Shirt zum Vorstellungsgespräch zu gehen. Aber klar, sonst sieht ja keiner seine Tätowierungen oder die drei Haare auf seiner Brust. Oder sind es vier? Glaubt er wirklich, du machst dir etwas aus seiner Jugend? Da weißt du doch direkt Bescheid. Dass sich Schwule immer über Sex verkaufen müssen. Du wirst ihm absagen, nächste Woche, und stattdessen der holländischen Philosophie-Studentin eine Chance geben.

Ein Meeting und 27 Telefonate später Mittagessen mit einem Kollegen aus der Buchhaltung. Der heult dir die Ohren voll, dass er seinen Freund vermisst, der zwei Wochen geschäftlich in San Francisco weilt. Er habe schon vier Tage keinen Sex mehr gehabt, klagt der Kollege. Du verschonst ihn mit dem Hinweis, dass bei deinem letzten Geschlechtsverkehr die FDP bei Wahlen noch zweistellige Ergebnisse erzielt hat und sogar aus Versehen in der Bundesregierung saß. Hörst dir stattdessen geduldig an, wie er davon schwärmt, dass es für beide total tabu wäre, außerehelichen Sex zu praktizieren. Klar doch. Als ob jemand in einer der schwulsten Städte der Welt allein ins Bett geht.

Am Nachmittag erzählt jemand im Büro, wie er mit seinem Freund in der U-Bahn bespuckt und beschimpft wurde. Du empörst dich und bist froh, dass dir so was bislang erspart blieb. Andererseits stellst du dich auch nicht Händchen haltend oder knutschend in die Öffentlichkeit. Da darf man sich dann auch nicht wundern.

Zwei Stunden später machst du Feierabend. Du willst dich noch mit einem Bekannten auf einen Drink treffen. Er verspätet sich, kommt schließlich gar nicht. Hat sich wahrscheinlich bei Scruff was aufgerissen, da spart er sich den Weg nach draußen und die 2,70 fürs Bier.

Du willst schon gehen, da entdeckst du einen süßen Typen in Jeans und Holzfällerhemd neben dir. Seit wann steht er da schon? Ihr kommt ins Gespräch. Netter Typ, arbeitet für eine NGO. Hat Pläne und noch dazu eine politische Meinung, die dezidierter ist als das, was man am Stammtisch zu hören oder in einem der Gratisblätter beim Friseur zu lesen bekommt. Ist vor kurzem aus der Provinz hergezogen. Die Großstadt hat ihn noch nicht verdorben, denkst du. Als er sich verabschiedet, fragst du, ob Ihr Euch wiederseht. Da will er wissen, wie alt du bist.
 

Du subtrahierst schnell ein bisschen im Kopf und sagst: 37. Er zupft an einem der weißen Haare in deinem Bart. Da weiß ich doch Bescheid, sagt er. Wer in dem Alter noch Single ist, hat zu allem schon eine Meinung und lässt keine andere daneben gelten. Kompromissfähigkeit: Fehlanzeige. Noch ein flüchtiger Kuss auf die Wange und ein gehauchtes Postskriptum: Einen Vater habe er übrigens schon. Dann ist er weg.

Der Barkeeper stellt dir ein Bier hin und sieht dich mitleidig an. Schlimme Sache, sagt er, Ausgrenzung unter Schwulen. Du nickst, dann zahlst du eilig und fährst nach Hause. Die Woche fängt ja gut an.

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