Tagsüber getrunken und abends gesoffen

Horst, in diesem Jahr 70 geworden, hat viel erlebt: Als junger Mann vom Land reiste er schon Mitte der 60er-Jahre mit der Gorch Fock nach Mittelamerika und passierte den Panamakanal. 1969 kam er ins damalige West-Berlin, wo er eine Dolmetscherschule besuchte und in einem Nobelhotel Seite an Seite mit Knackis als Tellerwäscher malochte.

In den 70er-Jahren arbeitete er in seinem gelernten Beruf als Bankkaufmann und verkaufte später dann LKWs – wovon er keine Ahnung hatte. Eines aber blieb gleich: Nachts zog Horst um die Häuser und feierte, und Alkohol war in all den Jahren sein fester Begleiter. Horst war alkoholabhängig. Nein, er ist alkoholabhängig. Denn süchtig bleibt er ein Leben lang.

Sein halbes Leben gesoffen

Horst trank oder um es mit seinen Worten zu sagen: soff sein halbes Leben. Angefangen hat das schon in seiner Heimat Cloppenburg, wo Trinken als Männlichkeitsbeweis galt. Aber wer soff, wurde anhänglich, und manchmal passierte sogar mehr. Wenn es zum Sex kam, hatte man am nächsten Morgen wenigstens eine gute Ausrede: „Ich war so besoffen, ich weiß gar nicht, was passiert ist …“

Trinken war eine Methode, um andere Schwule kennenzulernen

© Kenishirotie _Fotolia
Horst ist schwul und steht dazu. Früher war das nicht so. „Ich habe früher oft gesagt, dass ich schwul bin, aber innerlich wollte ich es nicht“, sagt er, wenn er über die Zeit damals nachdenkt. Für ihn war das Trinken auf jeden Fall eine Methode, um andere Schwule kennenzulernen. Denn Horst ist schüchtern, auch wenn er nicht so wirkt. Er trank nach Feierabend und ging feiern. Am Wochenende fing er Freitagnachmittag an und machte Samstag weiter. Der Sonntag war zum Ausnüchtern da. Montags ging’s dann wieder zur Arbeit.
 

Alkohol gegen Überforderung

In der Zeit, in der Horst als Bankkaufmann arbeitete, ging er manchmal mittags mit Kollegen in die Kantine und trank dort ein Bierchen oder auch mal ein Schnäpschen. Nachmittags wurden dann die Lehrlinge an den Bankschalter gestellt, um die Kunden zu bedienen. „So waren halt die Zeiten!“, sagt er. Als er die Abteilung wechseln und sich als einziger um Kreditvergaben kümmern musste, war er komplett überfordert. Gegen die Überforderung half ihm Alkohol – dass er der Situation nicht gewachsen war, wollte und konnte er sich nicht eingestehen. Er sprach mit niemandem darüber. Stattdessen blieb er eines Tages einfach zu Hause und ging überhaupt nicht mehr zur Arbeit. Unentschuldigt. So wurde ihm letztlich gekündigt.

Nach einer kurzen Durststrecke – das ist Humor, wie Horst ihn mag – kam er in einer kleinen LKW-Firma unter, wo er die Buchhaltung machte. Als der Verkäufer ausfiel, übrigens auch ein Alkoholiker, musste Horst auch noch in den Vertrieb. Da war sie wieder, die Überforderung – und die Flasche Whiskey stand morgens ab 10.00 Uhr offen auf dem Schreibtisch. Der Chef duldete das, denn er hatte einige Trinker in der Firma. „Die konnte er gut ausnutzen“, erklärt Horst. „Solange wir irgendwie funktionierten, war alles O.K. Dennoch brüllte er täglich, was für ein unproduktives Pack wir sind.“ Die fehlende Wertschätzung hat Horsts Alkoholkonsum sicherlich nicht verringert …

Aber Hilfe brauchte Horst nicht. Sagte er sich. Denn er konnte ja aufhören. Dann trank er Monate gar nichts und fühlte sich stark. Das versuchte er, sich mit diesen Pausen selbst zu beweisen. Doch wenn er danach wieder zur Flasche griff, gab’s zum Frühstück Kaffee mit Cognac. Oder war’s Cognac mit Kaffee?

Der totale Zusammenbruch

Irgendwann ging es dann wirklich nicht mehr: Der Körper spielte nicht mehr mit und der Chef, der so gerne Alkoholiker beschäftigte, schmiss Horst raus. Horst erkannte, dass er Hilfe braucht, und fing eine Langzeittherapie an. „Ich ging auf Kur“, sagt er über die Zeit. Und die „Kur“ half ihm. Aber nicht nur die. Denn die Therapeuten wollten, dass sich Horst zuhause in Berlin eine Selbsthilfegruppe für Alkoholiker sucht, in der Schwule sind. „‚Warum wollen Sie sich die einfache Möglichkeit der Hilfe nicht gönnen?‘, hat mich mein Therapeut gefragt. Also hab ich mir das gegönnt und ging das erste Mal in eine Gruppe für schwule und lesbische Alkoholiker. Da war alles vertreten – vom jungen Stricher bis zur uralten Tunte. Eine fantastische Truppe“, sagt er.

Selbsthilfegruppen geben Horst Halt.
Und so geht Horst seit 1992 in verschiedene Selbsthilfegruppen. In Berlin gibt es rund 10 solcher Gruppen für anonyme Alkoholiker, in denen (auch) Schwule und Lesben sind. „Viel zu wenig“, findet Horst. „Viele der jungen Partyhäschen sind in meinen Augen schon Säufer. Ich glaube, es gibt richtig viele Schwule und auch Lesben, die ein Alkoholproblem haben.“ Die Gespräche geben Horst Halt: „Die Gruppe hält dich trocken. Du bekommst Mitgefühl, die Leute geben dir Tipps, weil sie deine Probleme nachvollziehen können. Du hast immer jemanden, den du ansprechen kannst – bei Freud und Leid. Das ist wirklich erlösend. Die Familie ist da häufig überfordert.“

Den wichtigsten Grund, warum Horst heute nicht mehr zur Flasche greift, liefert er sich selbst: „Ich liebe mich heute selbst. Ich bin nicht mehr einsam. Ich habe einfach Spaß am Leben. Ganz ohne Alkohol!“